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Au – ach was - fein
Ich bin heute beim Arzt gewesen. Einem Orthopäden. Na ja, es war eine Orthopädin. Eine sehr hübsche Frau und eine junge Assistentin.
Vor ein paar Wochen waren Vertreter einer Heizkörperreinigungsfirma bei mir und hatten die Heizkörper gereinigt. Dabei hatten sie mir, neben dem Reinigen, den Vorschlag gemacht, mir einen Dampfreiniger für über 1000,- € zuzulegen und ich bekam sogar ein Sonderangebot. Nebenbei stellte der Manager bei mir einen Beckenschiefstand oder so etwas ähnliches und einen Wirbelschaden fest. Ich kaufte das Dampfreinigungsgerät nicht und meldete mich auch nicht bei der Firma an, um den Rückenwirbelschaden beheben zu lassen, sondern konsultierte die Orthopädin.
Im Wartezimmer füllte ich einen dreiseitigen Fragebogen aus. Der war aber nicht so schön, wie das, was ich immer mit zu Fachärzten nehme. Ich habe meine Krankengeschichte seit 1955 mit allen Gewohnheiten, Diagnosen, Unfällen, Krankenhausaufenthalten, Operationen, Rettungswagenbenutzungen und Vorsorgeuntersuchungen inkl. der Arztadressen dokumentiert und habe das mehrseitige Dokument, inkl. Vorsorgevollmacht, immer dabei.
Das Behandlungsteam war fasziniert. Als ich dann noch erzählte, dass ich seit 1990 jeden Morgen 20 Minuten Frühsport mache, musste ich gleich ein paar Übungen vorführen. Ich bekam Beifall für meine Leistung. Nach dieser Vorstellung durfte ich mich ausziehen und wurde abgetastet. Leider tastete die nette Ärztin mir nur den Rücken ab.
Ich gehe lieber zu Ärztinnen, als zu Ärzten. Die Frauen sind verständnisvoller und einfühlsamer. Und Männer, seien wir doch einmal ehrlich, eine Untersuchung durch eine Frau, ist doch viel schöner, als durch einen Mann. Wenn die Ärztinnen mit bebenden Fingern über unsere empfindlichen Stellen ehem empfindliche Haut streichen, da ist das doch, egal was bei der Untersuchung rauskommt, ein super Erlebnis!
Kurt Meran von Meranien 09.04.2018
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Paula
Paula ging in ihren Garten. Immer wenn sie ungestört allein sein wollte, suchte sie ihren Garten auf. Einige Zeit nachdem ihre Eltern sich vor fünf Jahren scheiden ließen, grenzte sie sich im großen Hausgarten ein Stück ab.

Ihre Familie bewohnte ein kleines Einfamilienhaus am Rande der Stadt. Der an das Haus angrenzende Garten, den ihr Vati zusammen mit ihren beiden älteren Brüdern immer gepflegt hatte, verwilderte langsam. Er war mit ihren Brüdern ausgezogen und sie lebte mit ihrer Mutti allein. Sie hatte damals viel Kummer. Sie konnte überhaupt nicht verstehen, warum plötzlich so alles anders wurde.
Paula brauchte Abwechslung und eine Aufgabe.
Und eines Nachmittags begann sie mit Hacke und Spaten im Garten zu arbeiten. Ganz hinten, weit weg vom Haus und der Straße grub sie um. Als der Gartennachbar merkte was da vor sich ging, kam er herüber. Mit seiner Hilfe war schnell ein großes Stück umgegraben. Sie steckten zusammen Rabatten und andere Flächen ab. Später arbeitete sie meist allein. Ihre Mutti kümmerte sich überhaupt nicht darum, was sie im Garten machte. Nach einiger Zeit nahm ihr eigener kleiner Garten Gestalt an. Überall und zu jeder Zeit, blühten vielfarbige Blumen. Um eine Sitzecke herum standen dicht an dicht Rosenbüsche. In ihnen summte und brummte es. Paula hatte die Biologielehrerin angesprochen. Die hatte ihr zwar manches erklärt, aber ihr gefiel der lehrhafte Ton nicht. Als sie einmal mit ihrer Mutti im Tiergarten war, hatte sie nicht nur die Tiere, sondern auch die gepflegten Anlagen bewundert. In ihrem Garten versuchte sie das gesehene umzusetzen. Als Vati und ihre Brüder sie bei einem Besuch einmal gesucht hatten, waren sie erstaunt über das, was es in dem kleinen Garten gab. Aber auch ihre Schulkameraden besuchten sie manchmal. Gern machten ihre Freundinnen zusammen mit ihr die Schulaufgaben im Garten. Die Sitzecke wurde erweitert und ausgebaut. Als ihre Freundinnen in der Klasse vom Garten erzählten, konnte sie sich eigentlich nicht mehr über fehlende Hilfe beklagen. Der Nachbar, die Brüder, die Freundinnen und ab und zu ein Schulkamerad halfen bei den Gartenarbeiten. So schüchtern sie sonst war, im Garten war sie die Chefin. Die Anderen konnten Vorschläge machen und Helfen, Bestimmer war Paula.

Sie ging jetzt auch öfter in den Tierpark. Eines Tages hatte sie sich ein Herz gefasst und einen Zoomitarbeiter angesprochen. Dieser verwickelte sie in ein Gespräch über das Zusammenleben von Tieren und Pflanzen und zeigte ihr verschiedenes. Was ihr besonders gefiel, war, dass er sie nicht belehrte, sondern von gleich zu gleich mit ihr sprach. Sie lernte die anderen Zoomitarbeiter kennen und lud eines Tages ein bisschen verlegen in ihren Garten ein. Hier zeigte sie stolz ihr Refugium.

Der gesamte Garten hatte sich erholt. Alle Besucher hatten geholfen, aus der verwilderten Einöde einen Hausgarten und aus Paulas Stück ein Kleinod zu machen. Vati hatte einen großen Marktschirm spendiert. Die Brüder hatten um die Sitzecke herum ein halbkugelförmiges Drahtgitter gebaut und mit Schlingknöterich bepflanzt. Der Knöterich hatte bald die Sitzecke überwuchert. So war eine romantische Laube entstanden. Auf Vorschlag der Freundinnen waren ein Badeteich und ein kleiner Fischteich angelegt worden. Die Klasse hatte gesammelt und ihr zum Geburtstag mehrere Koys geschenkt. Ein winziger Rasen lud zum Hinlegen ein. Auch einen Grillplatz gab es. Bei Dunkelheit leuchteten solarbetriebene weiße und farbige Lampen an den Wegen und zwischen dem Knöterich.
Die Zoomitarbeiter waren begeistert.
Sie machten einige Vorschläge und spendierten wenig später exotische Pflanzen und einen kleinen Papagei, dessen Lieblingsplatz die linke Schulter Paulas wurde.

Papa und die Brüder fanden sich jetzt fast jedes Wochenende ein. Sie brachten immer etwas mit. Grillzeug, Pflanzen, Steine. Um Wege zu sparen übernachteten sie im Haus. Paula bestand darauf, dass gemeinsam gegessen wurde.

Sie bemerkte, dass Mama wieder lächeln konnte und die Männer bei der Gartenarbeit fröhlich waren.

Kurt Meran von Meranien 06.03.2011

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Geburtstag auf dem Bauernhof
Voriges Jahr hatte mich meine Ex angerufen. „Langer, du hast doch bald Geburtstag.“ Komisch. Wir hatten seit über fünf Jahren keine Verbindung mehr. Wieso rief die nun an? „Ja das stimmt. Ich habe immer noch am selben Tag Geburtstag wie früher.“ Darauf ging sie gar nicht ein. „Ich mache dir einen Vorschlag. Wir feiern alle zusammen deinen runden Geburtstag auf dem Land.“ Was bedeutete „Alle zusammen“? „Wie kommst du denn auf diese Idee?“ „Wäre doch schön, wenn wir uns einmal wiedersehen würden - oder?“ Was hatte die nur vor? „Warum nicht. Wie soll das vonstattengehen?“ „Du holst uns ab. Auf der Fahrt besprechen wir alles.“
Meine Neugierde siegte, ich sagte zu. „Einverstanden. Aber denk bitte daran, deine Papiere, vor allem deinen Personalausweis einzustecken. Ich habe keine Lust, mich wegen dir wieder ewig mit der Polizei streiten zu müssen.“

Wie vereinbart fuhr ich nach B-Stadt um „alle“ abzuholen. Alle waren: Die Ex, mein Sohn, die Schwiegertochter und die Enkelin. Mein auf Hochglanz poliertes Auto nahm alle auf. Im Kofferraum hatte das gesamte Gepäck platzgefunden. Ich hatte einen kompletten Anzug und eine Steppdecke, auf Weisung der Ex, eingepackt. Bevor ich losfuhr hatte ich den Tacho so abgedeckt, dass nur ich ihn einsehen konnte. Aus Erfahrung wusste ich, dass meine Enkelin genau aufpasste, was er anzeigte und was es für Geschwindigkeitsbegrenzungen gab. Da konnte es dauernd heißen: „Opa! Du fährst zu schnell!“ Und Oma ergänzte dann: „Das du noch fahren darfst verstehe ich nicht! Dir hätten sie doch schon längst den Führerschein abnehmen sollen!“

Mein Sohn konnte die Geschwindigkeit auch ohne Tacho einschätzen. Seine Kommentare erinnerten mich unliebsam an meine Fahrschulstunden.
Wohlbehalten kamen wir nach Chausen. Nur von einem kleinen Aufenthalt bei einer Kontrolle unterbrochen. Geschwindigkeitskontrolle mit Bußgeld. Da dauernd mein Fahrstil und die Geschwindigkeit kommentiert worden waren, hatte ich mich peinlich genau an die Vorschriften halten wollen. Ein Beamter sagte barsch: „Fahrzeugpapiere!“ Ich sagte ganz ruhig: „Ich bin nur der Fahrer und habe Befehle ausgeführt.“ Dabei zeigte ich auf die Ex. Er ging auf die andere Seite, fragte nicht mehr nach den Papieren, sondern verlangte fünfzig Euro Strafgeld. Als er die Quittung ausfüllte, fragte er nach dem Personalausweis. Kaum waren wir weitergefahren, ging es los: „Deshalb musste ich den Personalausweis einstecken! Das Geld will ich wiederhaben.“ Ich nutzte die Gelegenheit, um zu fragen, wie lange wir auf dem Bauernhof bleiben wollten und was es kostete. „Heute bis Montagfrüh. Zweihundert Euro.“ „Zusammen?“ „Nein. Für jeden.“ „Schön teuer. Musst du bezahlen.“ „Wieso ich?“ „Na du hast mich doch eingeladen?“ „Spinnst du? Das bezahlt jeder selbst.“ Sofort ging eine Massendiskussion los. Alle vier schrien durcheinander. „Wenn hier keine Ruhe eintritt, fahre ich rechts ran, setze euch ab und fahre wieder nach Hause!“ Es wurde schlagartig still. Dann sagte Oma: „Ich bezahle. Schließlich fährst du uns. Sollte ich noch etwas haben wollen, rufe ich an.“ Das war ein Wort. Trotzdem sagte ich: „Mir bitte einen Brief. Ihr wisst, dass ich mir nichts merken kann. Also bitte schriftlich, da kann ich nichts vergessen!“
Wir standen vor dem Bauernhof. Er kam mir, trotz seiner Ausdehnung reichlich schäbig vor. Ein weitläufiges Haus und mehrere Baracken. Haustiere oder Vieh konnte ich nicht entdecken. Zur Begrüßung erschien nach dem fünften Hupen eine ältere, etwas schlampig gekleidete Frau. Alle, bis auf mich, stürzten auf sie zu. Sie entschuldigten sich für das Hupkonzert: „Hat der Fahrer gemacht. Der ist ein bisschen doof.“ Danke, dachte ich.

Jeder schnappte sein Gepäck und ging hinter der Frau ins Haus. Ich fragte laut: „Und wohin gehe ich?“ Zur Seite gewendet sagte die Frau, ohne mich anzusehen: „Das Auto unter das Dach. Dann suchen sie sich eine Unterkunft.“ Unter das Dach. Was meinte sie damit? Ich inspizierte das Gelände. Außer noch mehr Baracken und baufälligen Schuppen entdeckte ich eine offene Remise. Ein paar Pfähle und ein Dach. Als ich mein Gepäck ausgeladen hatte und das Auto abschließen wollte, tauchte eine Art Knecht auf. „Hier wird nicht abgeschlossen. Schlüssel steckenlassen. Wir klauen nicht. Außerdem, wie sollen wir später rangieren, wenn noch mehr Gäste kommen?“ Das war einleuchtend. Unentschlossen mit dem Packen dastehend fragte ich: „Und wie nun weiter?“ „Sie haben doch gehört! Suchen Sie sich was.“ Ich suchte. In jeder Baracke gab es ein paar Räume. Bett oder Pritsche, Schrank ohne Schloss (hier wird nicht geklaut), einen wackligen Tisch, wenn überhaupt. Toiletten konnte ich nicht entdecken. Es schien eine große Fete zu werden. Alles war besetzt. Schließlich fand ich in einer der besseren Baracken ein freies Zimmer. Bett und Tisch, mehr passte nicht rein. An der Tür ein Kleiderrechen. Ich bezog meine Steppdecke mit einem beigen Bezug und legte zwei zusammengefaltete Wolldecken mit auf das Bett. Die Kleidertasche mit Anzug, Hemd und Unterwäsche hängte ich an den Kleiderrechen. Das Waschzeug unterm Arm suchte ich eine Waschmöglichkeit. Außerhalb des Hauses war nichts zu finden. Als ich ins Haus wollte, hielt mich ein Kerl an und fragte: „Wer sind sie, was wollen sie?“ „Ich bin ein Gast und will mich frischmachen.“ „Gast? Ich kenne sie nicht.“ „Ich bin mit Familie Jünger gekommen.“ „Die sind vollzählig. Gehen sie zur Pumpe, wenn sie sich unbedingt waschen wollen. Dann melden sie sich in der Küche. Hier linker Hand im Anbau.“ Das Wasser der Pumpe stank wie Schweinegülle, weshalb ich aufs Waschen verzichtete. In die Küche kam ich gar nicht erst. Die Frau die uns empfangen hatte sagte barsch: „Ich weiß Bescheid. Trollen sie sich!“ Ich trollte mich zur Remise und überlegte, ob ich nicht sofort wieder heimfahren sollte.
Inzwischen waren wohl noch mehr Gäste gekommen. Mein Auto war vollkommen eingekeilt und der Knecht nicht zu entdecken. Ich ging langsam zu meiner Baracke. Zuerst fand ich meinen Schlafraum nicht. In allen Räumen waren Leute. In meinem auch. Mein Zeug konnte ich nicht entdecken. Ich sagte zu den Neuankömmlingen: „Ich habe dieses Zimmer belegt. Wo ist mein Gepäck?“ Ohne mich anzusehen meinte der Mann: „Verschwinde du Arsch. Das ist mein Zimmer. Dein Gelumpe liegt dort in der Ecke!“ Eine bildhübsche junge Frau, die gar nicht zu dem Rüpel passte, lächelte höhnisch. Ich packte mein Zeug wieder zusammen, wobei ich bemerkte, dass der Bettbezug fehlte. „Ich hatte die Steppdecke bezogen. Wo ist der Bezug?“ Als Antwort bekam ich einen Fußtritt, der mich vor die Baracke beförderte. Wieder zum Auto. Der Knecht war da. Ich bat darum mein Auto auszufischen. „Du Arsch siehst doch, dass das nicht geht!“ „Geht es auch für fünfzig Euro nicht?“ „Nein, aber für das Geld stelle ich dir deine Karre morgenfrüh auf den Hof.“ Damit hielt er die Hand auf. „Du stellst mein Auto morgenfrüh hinter die grüne Baracke. Dann bekommst du das Geld.“ Er nickte gnädig. Ich suchte nun wieder nach einem Quartier. Ohne Auto kam ich hier nicht weg. In einem abseits liegenden Schuppen, stehen konnte man es nicht nennen, entdeckte ich eine Pritsche. Hier war es schmutziger als schmutzig. Aber die Pritsche war belegbar. Um nicht dauernd, auch abends, in meinen Straßenschuhen herumlaufen zu müssen, suchte ich nach Zeitungspapier. Schließlich fand ich einen dicken Packen. Damit legte ich die Hütte aus und verdeckte auch die undefinierbaren, gestapelten Dinge an den Wänden. Wir waren zeitig weggefahren und weit vor dem Mittagessen angekommen. Wo bekam ich etwas zu essen? Nirgends! Ich spazierte durch den Ort. Sichtete weder eine Gaststätte, noch sonst etwas Interessantes. Allerdings sah ein Gebäude so ähnlich wie eine Kirche aus. Um das Gebäude herum gehend entdeckte ich ein gepflegtes Bauernhaus. In einem Garten wurden Pfähle gesetzt. Zwei Jungs und ein Mädchen stellten sich ziemlich ungeschickt an. Ich packte zu. Nach zwei schnell gesetzten Pfählen fragte ich nach Arbeitskleidung. Zog mich um und machte richtig mit. Nach einer Weile fragte das Mädchen, was hier so knurrte. Ich erzählte, dass ich seit dem Frühstück vor der Abfahrt noch nichts gegessen hatte. Sie verschwand, um kurze Zeit später mit einem Bauern wieder zu kommen, der einen großen Korb trug. Ich ließ mich nicht lange bitten und fiel über die Köstlichkeiten her, die der Korb enthielt. Bis zum Abend arbeitete ich dann weiter. Der Bauer fragte, ob ich am nächsten Tag noch da sei und helfen könne. „Natürlich.“ Bevor ich am Abend ging, machte ich Katzenwäsche.

Gottseidank. In meinem Quartier hatte sich jemand umgesehen. Meine Hose fehlte. Im Haus ging es hoch her. Zu Essen bekam ich wieder nichts.
In der Nacht schlief ich sehr unruhig. Dauernd kam jemand in den Schuppen. Schließlich verbarrikadierte ich die Tür. Das hätte ich nicht tun sollen. Die einzige heile Fensterscheibe wurde eingeschlagen und irgendwelche Idioten rätselten laut, was ich wohl wäre. Von Arsch bis Strolch war alles drin. Am nächsten Morgen begab ich mich ungewaschen und ohne Frühstück zur Arbeit bei dem Bauern. Meine Enkelin lief mir dabei über den Weg. Sie schwärmte: „Ist es hier nicht herrlich? Die Luft, die schöne Gegend, die lieben Menschen. Aber, Opa du stinkst!“ Damit ließ sie mich stehen. Ich arbeitete bis mittags mit. Der Bauer sagte dann: „Mit ihrer Hilfe haben wir mehr geschafft, als wir geplant hatten. Schönen Dank.“ Hinter dem Haus hatte ich terrassenförmiges Grabeland entdeckt, deshalb fragte ich: „Was ist das hinter dem Haus für Land?“ „Wir wollten da einen Garten anlegen. Kommen aber einfach nicht dazu.“ „Ich habe Zeit, kann ich da nicht was tun?“ „Wenn sie wollen. Aber erst wird gegessen.“ Nach dem Essen, besah ich mir das Gelände. Unterhalb des Grabelandes entdeckte ich einen Bach. Er war breit und tief genug, um mich darin zu baden. Also nichts wie rein. Da niemand in der Nähe war, arbeitete ich danach ohne Sachen. Als ich lautes Lachen hörte, zog ich mir meine Boxershorts an. Das Mädchen und ein paar Kinder kamen hinter einer Bodenwelle hervor. Das Mädchen, es war vielleicht vierzehn oder fünfzehn, meinte: „Wegen uns hätten sie sich nicht anziehen müssen.“ Ich grinste und sagte: „Auf dem Barackenhof werde ich schon genug angemacht. Hier wollte ich nicht auch noch verhöhnt werden.“ Die Kinder fragten, ob sie helfen dürften. „Tut euch keinen Zwang an. Macht es so, wie es euch gefällt.“ Das Mädchen wollte alles wissen: Wie ich auf den Barackenhof kam. Wie es mir dort gefiel. Wie es mir hier gefiel.
Während wir arbeiteten und erzählten verging die Zeit. Das Grabeland nahm Gestalt an. Alles noch vage, aber immerhin. Der Bauer kam und sagte: „Ich habe einen Anruf für sie entgegengenommen. Sie sollen Morgenfrüh ihren Anzug anziehen. Alle gehen in die Kirche. Anschließend oder nach dem Mittagessen wird gefeiert!“ „Morgen erst. Ich dachte wir feiern in den morgigen Tag hinein.“ „Was wird denn gefeiert“, fragte das Mädchen. „Geburtstag.“ Wir gingen ins Haus. Der Bauer fragte, ob ich mit zu Abend essen wolle. „Gern, da bekomme ich sowieso nichts.“ Am Tisch saßen drei Frauen unterschiedlichen Alters. „Wer hat denn Geburtstag?“ „Ich!“ „Und wie alt werden Sie?“ „Das glauben sie mir sowieso nicht. Aber ich zeige ihnen meinen Ausweis, da können sie sich überzeugen.“ Alle studierten meinen Ausweis. Sie staunten. Eine der Frauen, sagte seufzend: „Schade.“ Ich sah sie an. Sie lächelte irgendwie gequält. Das Mädchen fragte: „Wann fahren sie wieder weg?“ „Am liebsten wäre ich gestern nach dem merkwürdigen Empfang wieder abgefahren. Aber nun werde ich wohl wie geplant montagfrüh fahren. Ich muss die bucklige Verwandtschaft kutschieren.“ Die Kinder wollten erklärt haben, was ich gemeint hatte. Am neugierigsten war das Mädchen. „Ich habe gedacht, alle Leute hier sind so bescheuert wie die im Barackenhof. Ich kenne noch nicht einmal deren Namen. Meine Ex hat vorgeschlagen hier zu feiern. Dass es so nette Leute wie sie hier gibt, hätte ich nicht gedacht.“ Nach dem Essen ging ich zu meinem Domizil. Wieder begegnete ich meiner Enkelin: „Opa! Wo treibst du dich dauernd herum? Wir mussten telefonieren, um dir etwas auszurichten. Morgen Früh geht es in die Kirche und dann feiern wir deinen Geburtstag. Das wird bestimmt toll.“ So toll fand ich das nicht. Zuerst ging ich zu meinem Auto. Es stand wirklich hinter der grünen Baracke. Ich checkte es durch. Unter der Motorhaube entdeckte ich eine angenagte Scheibe Brot. Also gab es hier Marder. Ich suchte herum und fand tatsächlich eine Rolle Maschendraht. Rollte ihn vor dem Auto aus und fuhr drauf. Es reichte. Vor den Mardern war ich erst einmal sicher. Als ich in die Bude kam, stellte ich fest, dass irgendwer da gewesen war. Meine Hose hatte sich wieder eingefunden. Aber wie sah sie aus! Ein Hosenbein war unter dem Knie abgeschnitten worden. Die neuen Schuhe fehlten. Hatte hier noch jemand Schuhgröße siebenundvierzig? Das Zeitungspapier war verschmutzt. Mein Bett zerwühlt. Ich machte etwas Ordnung und ging noch einmal ums Haus. Prompt lief ich dem Knecht in die Arme. Er kassierte seine fünfzig Euro und belegte mich mit dummem Gequatsche.

Ich machte einen vergeblichen Versuch, ins Haus zu kommen. Dort wurde laut gefeiert. Überall saßen, standen und lagen Betrunkene. Ich fragte einen halbwegs nüchternen: „Was wird hier eigentlich gefeiert?“ „Einer der Gäste hat runden Geburtstag, so ein langer Kerl.“ Na Klasse. Die feierten schon meinen Geburtstag und ohne mich. Nichts wie zum Auto und dann weg. Das Auto war besetzt. Die eindeutigen Geräusche im Inneren und die Bewegungen des Wagens verrieten, um was für Besetzer es sich handelte. Während ich noch überlegte, was ich tun sollte, packte mich jemand am Ohr und schnauzte: „Das ist nichts für Spanner. Anschließend bin ich dran. Verschwinde!“ „Das ist mein Auto du Idiot!“ Damit gab ich ihm eine auf den Punkt. Er ging zwar zu Boden, lallte aber: „Heute Abend nicht!“ Hinter der Barackenecke wurde geknutscht. Meine Enkelin. Sollte ich stören oder nicht? Sie hatte mich aber schon erkannt und zischte: „Opa du störst!“ Niedergeschlagen ging ich zu meinem „Heim“. Als ich die Tür aufmachte, schlug mir ein furchtbarer Gestank entgegen. Auf meiner Pritsche waren zwei Gestalten beschäftigt. Der Fußboden sah unbeschreiblich aus. Ich flüchtete schnurstracks zu dem Bauernhof, wo ich den Tag über gewesen war. Dort fragte ich, ob ich in der Scheune übernachten dürfte. Dabei schilderte ich, was sich auf dem Barackenhof tat. Gegen Mitternacht bekam ich Besuch. Die Nacht verlief ohne Störung und sehr angenehm.

Am Sonntagvormittag machte ich den letzten Versuch. Auf dem Barackenhof war es mäuschenstill. In der Kirche, ich war so hingegangen wie ich war, entdeckte ich weder meine Familie noch irgendjemand bekanntes. Zurück beim Auto stellte ich fest, dass die Rückbank so verschmutzt war, dass sie nicht mehr genutzt werden konnte, vor allem nicht als Sitzbank. Und der Tank war fast leer. Mein „Heim“ war auch leer. Keine Gäste. Dafür hatte jemand die Steppdecke als Abtritt benutzt. Der Kleidersack war weg. Ich ging ins Haus. Diesmal hielt mich niemand auf. Es war keiner da. Allerdings konnte man einzelne Räume, so wie sie aussahen, nicht betreten. In einer Kammer entdeckte ich ein verhutzeltes Männchen mit einer halbvollen Flasche Bier. Er sah mich erstaunt an und sagte: „Wer bist denn du? Aber da du schon einmal hier bist, kannst du zur Theke gehen und dir eine Flasche Bier geben lassen. Bring mir auch eine mit.“ „Wo ist hier die Theke?“ „Frag nicht so blöd. Beeil dich.“
Ich beeilte mich zum anderen Hof zu kommen. Wir transportierten mein Auto hin. Bauten die Rücksitze aus meinem Auto aus und tankten. Dann hatte ich noch eine nette Nacht in der Scheune und fuhr in aller Frühe ab. Ohne Passagiere und ohne Gepäck. Einen Transporter hatte ich schon immer haben wollen. Jetzt hatte ich einen Kleinsttransporter.

Zwei Monate später, von meiner Familie hatte ich nichts gehört, bekam ich mehrere Briefe. Ein amtlicher und drei andere. Der amtliche war vom Staatsanwalt. Ich sollte nach Chausen kommen, um zu einem Tatbestand befragt zu werden. Der zweite Brief war von meiner Ex. Sie beschwerde sich über mein rücksichtsloses Verhalten auf dem Bauernhof in Chausen und verlangte von mir tausend Euro. Ein Brief kam von meiner Enkelin. Sie unterstellte mir, ihrem Freund gepetzt zu haben, dass sie in Chausen fremd gegangen sei. Der vierte Brief kam von dem Bauern, bei dem ich gearbeitet hatte. Nachdem ich alle Briefe gelesen hatte, rief ich die Staatsanwaltschaft an und wollte wissen, zu welchem Tatbestand ich befragt werden sollte. Eine unfreundliche Frau verwies mich an die Polizei von Chausen. Dort wurde mir gesagt, ich solle nicht so dämlich fragen, sondern hinkommen. Dann würde ich auch erfahren, um was es gehe. „Ich fahre doch nicht fünfhundert Kilometer, wenn ich nicht weiß, um was es geht!“ „Wenn sie nicht freiwillig kommen, dann werden sie zugeführt!“ Ich legte auf und begab mich zu meinem örtlichen Polizeirevier. Dort fragte ich, ob sich die Befragung nicht hier erledigen lasse. Der freundliche Beamte rief in Chausen an. Nach dem er lange telefoniert hatte, erfuhr ich von ihm, um was es ging. Nicht mehr so freundlich las er vor: Besagter hat randaliert. Sich gegenüber dem Besitzer ungebührlich verhalten. Die Nachtruhe der anderen Gäste gestört. Die Zimmer verunreinigt und demoliert. Die Zeche geprellt. Ich sah den Beamten sprachlos an. „Geben Sie zu, die angeführten Delikte begangen zu haben?“ „Nein, es war ganz anders!“ Ich erzählte, wie es gewesen war. Geglaubt wurde mir nicht. Also rief ich meine Rechtschutzversicherung an und schilderte den Fall. Bekam eine Schadensnummer und die Adresse eines Rechtsanwaltes. Dem Rechtsanwalt zeigte ich die anderen Briefe. Der rieb sich die Hände.

Ein halbes Jahr später fand in Chausen eine Gerichtsverhandlung statt. Die Anklage fuhr eine Menge Zeugen auf. Es stand schlecht um mich. Nach Ende der Beweisaufnahme, gab ich meinem Rechtsanwalt einen Umschlag. Er sah sich den Inhalt an und unterbrach das Plädoyer des Staatsanwaltes mit der Bitte, nach vorn zum Richter kommen zu können. Nach einem kurzen Gespräch am Richtertisch zwischen Staatsanwalt, Richter und Rechtsanwalt, wurde die Beweisaufnahme noch einmal begonnen. Nun hatte ich die Oberhand. Alle Anklagepunkte wurden fallengelassen. Der Staatsanwalt zog ein langes Gesicht. Nach Beendigung der Verhandlung, aber bevor wir den Saal verließen, meldete sich der Bauer bei dem ich geholfen hatte. Er lud mich ein, um mir den fertigen Garten zu zeigen. Bei einem landesweiten Wettbewerb ‚schöner unsere Dörfer‘, hatte er einen Preis bekommen. Ich freute mich und nahm die Einladung an.
Ganz ungeschoren kam ich bei der Gerichtsverhandlung nicht davon. Wegen dem Zurückhalten von Beweismaterial bekam ich eins aufs Dach. Im Umschlag waren meine Bilder gewesen, die ich vom Zustand der Quartiere vor, während und am Ende der Feierlichkeiten gemacht hatte.
Nebenbei war die Geldforderung meiner Ex geklärt worden. Die ganze Familie hatte ausgesagt, dass ich hätte zahlen wollen. Diese Aussage konnte ich widerlegen. Beim Gespräch im Auto war mein Diktiergerät zufällig an gewesen. Es hagelte später in anderen Verfahren Strafen. Seitdem lässt mich meine Familie in Ruhe. Ich bin nach Chausen gezogen und wohne bei dem freundlichen Bauern in einem Seitengebäude.

Kurt Meran von Meranien 24.03.2012

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