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Bildergalerie

LSoA

 

Adel verpflichtet
Am Urlaubsort angekommen, machte ich mich wie immer zuerst mit den örtlichen Gegebenheiten bekannt. Ab dem zweiten Tag beginne ich zu wandern. Jeden Tag ein paar Kilometer mehr. Mein Ziel: im Durchschnitt jeden Tag zehn Kilometer. Es war warm, aber nicht zu warm. Ideal zum Wandern. Ich bat am nächsten Morgen die Küche, mir Tee, meinen Spezialtee zu brühen. Cistus-Incanus. Die Teeblätter hatte ich mitgebracht. Ein Liter Tee, zwei Brezeln und drei Brötchen waren meine Tagesverpflegung bei Halbpension im Hotel. Um mich unterwegs frei bewegen zu können, hatte ich eine Wanderkarte dabei. Den Wegmarkierungen war nicht immer zu trauen. Außerdem war ich bei Straßensperrungen wegen Forstarbeiten nicht hilflos. Wetterkleidung, Wanderschuhe, Rucksack und los. Gemächlich gehend genoss ich die Natur. Früher hatte ich ein anderes Schritttempo. Mein Rekord: Umrundung des Scharmützel Sees an einem Nachmittag. Siebenunddreißig Kilometer in knapp sieben Stunden! Dazu eine Pause in Bad Saarow. Heute belauschte ich lieber die Natur. Geschwindigkeitsrekorde stellte ich nicht mehr auf. Da ich allein unterwegs war, störte mich auch kein Geschwätz. Am Mittag hatte ich auf einer Waldlichtung gerastet. Meine Brötchen aufgegessen und ein Drittel Tee getrunken. Für den Nachmittag würden die Brezeln langen. An einem kleinen See stieß ich auf eine lustige Gesellschaft. Etwa zwei Dutzend junge Leute, Erwachsene und Kinder. Sie hatten wohl einen Autoausflug gemacht. Ich studierte die Kennzeichen. Ein Wagen war aus Hannover. Die anderen Kennzeichen waren mir unbekannt. Ich setzte mich etwas abseits auf einen Baumstumpf und sah dem Treiben zu. Ein Teil der Leute badete. Drei Kinder, zwei kleine Mädchen und ein etwas älterer Junge kamen zu mir. Eines der kleinen Mädchen fragte, was ich im Rucksack hätte. „Brezeln und Tee.“ „Ich esse gern Brezeln.“ Ich öffnete den Rucksack und gab ihr eine Brezel. Der Junge wollte auch eine haben. Ich gab ihm die zweite Brezel. Ich würde auch ohne die Brezeln durchhalten. Wenn es sein musste, brauchte ich vierzehn Tage nichts zu essen. Hatte ich schon aushalten müssen. Die drei Kinder waren gegangen. Die Mädchen hatten sich eine Brezel geteilt. Der Junge knabberte an seiner herum. Ein paar junge Leute kamen zu mir. Eine Frau sagte: „Sie hätten meiner Tochter nichts geben brauchen. Wir haben genug zu essen und müssen nicht betteln!“ Ich erwiderte: „Die Kleine hat nicht gebettelt. Sie hat nur gesagt, dass sie Brezeln gern isst!“ „Trotzdem!“ Ich sagte nichts. Was hätte ich auch sagen sollen? Ich kann Kindern nichts abschlagen. Der junge Mann fragte, ob ich baden wolle. Ich sagte: „Ich habe keine Badesachen mit.“ „Badesachen?“ „Badehose und Handtuch!“ Er sagte: „Du brauchst keine Badehose.“ Ich wunderte mich ein bisschen. Dass ein junger Spund mich so ohne Weiteres duzte, kam mir ungehörig vor. Außerdem wollte ich mich nicht ausziehen und wehrte mich: „Ich kann nicht schwimmen.“ Er ließ nicht locker: „Der See ist flach. Du bist so groß, dass Du bis ans andere Ufer laufen kannst.“ Was wollte der von mir? Die Frau duzte mich nun auch. „Sei kein Frosch und zieh Dich aus!“ Ich zögerte immer noch: „Ich habe eine Scheißfigur!“ Ein paar der anderen Leute waren hinzugekommen und hatten zu gehört. Alle lachten und einer meinte: „Wir sind auch keine Adonisse.“ Ich gab nach und zog mich aus. Nackt ging ich ins Wasser. Dabei stellte ich fest, dass die meisten Kinder nackt und ein paar der Frauen oben ohne badeten. Nachdem wir ein bisschen herumgeplantscht hatten, ging ich in der Sonne auf und ab, um zu trocknen. Danach wanderte ich weiter. Am nächsten Tag kam ich auf dem Heimweg wieder am See vorbei. Die Gesellschaft war noch da. Ich sollte wieder mit baden, hatte aber keine Lust. Das Einzige, was ich brauchte, war ein kaltes Tretbad. Bis dahin war es noch ein ganzes Stück zu laufen. Ein größerer Junge, vielleicht fünfzehn oder sechszehn Jahre alt sprach mich an. Auch er duzte mich. Er fragte, ob ich noch Brezeln hätte. Ich verneinte. Ohne sich um meine Antwort zu kümmern, wollte er meinen Rucksack, den ich abgelegt hatte, aufmachen. Ich sagte empört: „Was soll das? Ich habe gesagt, dass ich keine Brezeln mehr habe. Lass den Rucksack in Ruhe!“ Er musterte mich verächtlich und sagte: „Duz mich nicht! Ich bin der Baron von E.!“ „Mir ist es ganz egal, wer Du bist. Das ist mein Rucksack und den lässt Du schön zu!“ Ein älterer Mann war zu uns getreten und sagte herablassend: „Was erlaubst Du Dir? Du hast meinen Sohn mit Herr Baron anzureden, falls er Dir erlaubt mit ihm zu sprechen!“ Ich dachte ich höre nicht richtig. Das war ja allerhand. Die mussten doch spinnen! Ich wurde trotz meines Alters geduzt und sie wollten tituliert werden. Ich schnappte meinen Rucksack und ging. Als ich an dem jungen Paar vorbeikam, mit dem ich am Vortag gebadet hatte, sagte ich laut: „Ihr seid ja eine schöne Gesellschaft. Das hat ein Nachspiel. Ich schreibe im Internet ein Tagesbuch. Dort könnt ihr lesen, was ich von Euch denke!“ Am Abend schrieb ich wie gewöhnlich meine Urlaubs-Tageserlebnisse auf und stellte sie ins Internet. Dann studierte ich eingehend die Wanderkarte. Es half alles nicht, ich musste wieder an dem See vorbei. Der Weg in den Wald führte am See vorbei und gabelte sich erst hinter ihm.
Am nächsten Morgen schritt ich, stur gerade ausblickend an der Gesellschaft vorbei und hörte nicht auf ihre Rufe. Den Kindern, die hinter mir herliefen, wich ich aus. Eine der jungen Frauen stellte sich mir in den Weg und fragte, ob ich wieder Brezeln mit dabeihätte. Ich fragte: „Und wenn?“ „Würden Sie mir bitte eine für meine kleine Ines geben?“ Ich nickte. Holte eine Brezel aus dem Rucksack und gab sie dem kleinen Mädchen, das neben ihrer Mutter stand. Glücklich begann diese zu essen. Nach wenigen Augenblicken, ich war weiter gegangen, hörte ich Schreie und Weinen. Ich blieb stehen und sah mich um. Der junge Laffe hatte dem Kind die Brezel weggenommen. Er rannte zu mir und warf sie mir mit den Worten: „Wir brauchen Deinen Fraß nicht“, vor die Füße. Die Kleine stand weinend abseits. Kopfschüttelnd ging ich weiter. Am Abend machte ich einen weiten Umweg, um nicht am See vorbeizumüssen. Der Fahrer eines Lieferwagens las mich auf, als ich auf der Landstraße fluchend meinem Hotel zustrebte.
Wieder machte ich einen Tagebucheintrag. Diesmal kamen Bilder dazu. Auch welche von dieser irren Gesellschaft, die ich am ersten Wandertag aufgenommen hatte.
Der vierte Tag war Ruhetag. Ich genoss die Annehmlichkeiten des Hotels und die nahe Umgebung. Der Hotelier sprach mich nach dem Mittagessen an. Ich hatte dem Personal von meinen Abenteuern berichtet und ihnen von meinen Internetaktivitäten erzählt.  Es stellte sich heraus, dass der ganze kleine Ort meine Homepage kannte und gespannt auf neue Geschichten wartete. Als ich mich nach einem verlängerten Mittagsschlaf zu dem Tee time im kleinen Restaurant des Hotels einfand, erlebte ich eine Überraschung! Die Badegesellschaft hatte sich eingefunden. Ich nahm unbefangen an meinem Teetimestammtisch Platz.
An diesem Tisch zelebrierte ich jeden späten Nachmittag ein detailliertes Teezeremoniell. Der Tisch war reserviert und die Gerätschaften aufgebaut.
Als ich den Raum betreten hatte, hatten die Leute mich auffordernd angesehen. Ich hatte sie interesselos gemustert und mich an meinem Tisch niedergelassen. Während meiner Hantierungen und beim Genuss der ersten Tasse Tee hatte mich niemand zu stören gewagt. Dann kam der ältere Herr an meinen Tisch und bat, merkwürdigerweise, sehr höflich darum, sich setzen zu dürfen. Ich ging auf seine Bitte nicht ein. Fragte nur herablassend: „Haben Sie ein Anliegen? Ich möchte nicht gestört werden!“ Ein Kellner kam und fragte achtungsvoll: „Gibt es Probleme, Eure Erlaucht?“ Während der Herr erstarrte, sagte ich lässig: „Bis jetzt noch nicht mein Freund.“ Der Kellner verbeugte sich und ging. Der Herr auch. Als ich meinen Tee getrunken und das Personal die Utensilien weggebracht hatte, winkte ich der kleinen Ines. Sie kam mit ihrer Mutter zögernd zu mir. Ich stand höflich auf und bat beide Platz zu nehmen. Als wir uns wieder gesetzt hatten, kam der Hotelier und brachte uns Brezeln. Ohne sich mit einem Dank aufzuhalten, verschlang Ines ihre Brezel. Ihre Mutter erzählte mir etwas über ihre Gesellschaft. Jedes Jahr fuhren ein paar befreundete Familien zusammen in den Urlaub. Zugang zu der Gruppe hatten nur Angehörige des Adels. Zu Beginn der Fahrt wurde ein Primus gewählt, dem die gesamte Organisation oblag. Dieses Jahr war die stolze Familie E. gewählt worden. Flüsternd meinte sie: „Der junge Baron ist noch stolzer als sein Vater. Dazu ist er gemein und hinterhältig. Er tyrannisiert unsere Kinder und versucht auch uns Frauen zu demütigen. Unsere Männer getrauen sich oft nichts zu sagen, da der Vater sehr reich ist und weit reichende Verbindungen hat.“ „Und sie fahren trotzdem immer mit?“ „Wir können nicht anders.“
Der Herr stand auf und kam wieder an meinen Tisch. Die Frauen und Ines wollten aufstehen. Ich sagte laut: „Bleiben Sie bitte noch. Ihre Gesellschaft ist mir lieb. Für seine Hochwohlgeboren ist ja noch ein Stuhl da!“ Zum Herrn gewendet sagte ich ebenso laut: „Reicht Ihnen der Stuhl Euer Hochwohlgeboren? Oder soll ich einen Sessel bringen lassen?“ Der stolze Herr war bei diesen Worten puterrot angelaufen. Die anderen, bis auf seinen Sohn, grinsten verstohlen. Der Herr hatte sich inzwischen gesetzt. Ich sah ihn gerade an und sagte: „Ich habe Ihnen zwar nicht gestattet sich zu setzen, aber da Sie nun einmal platzgenommen haben, dürfen Sie auch sitzen bleiben. Vorgestellt haben Sie sich auch noch nicht. Wenn der Junker auch den Namen E. und den Titel Baron trägt, so muss ja sein Vater nicht den gleichen Titel und Namen haben.“ Der Mann wurde schon wieder rot, wagte aber keine Widerrede. Warum ließ er sich meine Worte gefallen?
Er stand nun auf und stellte sich vor. Dann entschuldigte er sich für sein Benehmen und das seines Sprösslings und hielt eine kleine Rede. „Mein Herr, ich möchte mich für die Unbilligkeit entschuldigen, die Sie von uns erfahren haben. Wir konnten doch nicht wissen, wer sie waren. Dass Sie zu uns, zu unseren Kreisen gehören!“ Guck an, was erzählte der da? Ines sagte: „Papa war im Internet und hat Deine Geschichten gelesen.“ Aha. Ich lächelte ihr und ihrer Mutter verschwörerisch zu und sagte, wieder schön laut, damit alle im Raum es verstanden: „Herr Baron, Kleider machen Leute. Ich konnte nicht wissen, dass die Leute, die ich am See traf, hochgeborene Herrschaften, adlige Herrschaften waren. Aber, hochgeboren oder nicht, die allgemeinen Regeln der Höflichkeit und des Anstandes sollten auch sie, gerade Sie nicht vergessen. Es gehört sich nicht, einen älteren Mann so ohne Weiteres zu duzen. Für Jugendliche gehört sich das überhaupt nicht! Das sollten Sie ihrem Sprössling eintrichtern. Und im Speziellen: Meine Familie ist bestimmt älter als Ihre. Sie wurde im zehnten Jahrhundert zum ersten Mal erwähnt. Und im dreizehnten Jahrhundert gründete mein Urahn einen neuen Zweig. Wir gehörten dem mittleren Adel an. Barone sind ja, das müssten Sie eigentlich wissen die Zweitplatzierten des niederen Adels. Unser Wappen erhielten wir vom regierenden Großfürsten von Moskau Iwan dem Ersten Danilowitsch. Im Jahr neunzehnhundertundneunzehn wurden die deutschen Adelstitel per Gesetz abgeschafft. Adelstitel gibt es also nicht mehr. Adelsprädikate sind Teil des Namens. Von Deutschlands Geschichte hat Ihre Familie scheinbar keine Ahnung. Und nun werde ich Sie verlassen. Ich muss noch einen Interneteintrag machen – über das gerade geführte Gespräch!“ Stand auf verbeugte mich vor der jungen Frau, fuhr Ines kurz über ihren Lockenkopf und ging. Am Abend erzählte mir der Kellner grinsend, dass die Gesellschaft fluchtartig verschwunden sei.
Als ich am nächsten Morgen sehr zeitig zum See kam, war die Gesellschaft im Aufbruch begriffen. Ich hatte Ines und ihrer Mutter Brezeln mitgebracht. Obwohl die adelsstolze Familie E. in der Nähe war, sagte ich laut zur Mutter von Ines: „Sie sollten sich von dieser irren Gesellschaft trennen. Und wenn der hochmütige junge Schnösel Ines oder Ihnen zu nahekommt und sie tyrannisieren will, geben sie ihm was auf sein Maul. Vielleicht tun ihm auch ein paar Kopfnüsse wohl. Drei Schläge auf den Hinterkopf fördern das Denkvermögen. Falls da überhaupt noch etwas zu machen ist!“
Dann trat ich zum älteren Baron. Ich begrüßte ihn außerordentlich höflich. Zeigte ihm meinen Presseausweis und fragte, ob ich in meiner Geschichte seinen vollen Familiennamen nennen darf oder nur den Anfangsbuchstaben verwenden solle. Er lächelte plötzlich und sagte zu seinem Filius: „Nun mach schon.“ Sein Sohn kam zu mir, nahm Haltung an und entschuldigte sich. Ich verbeugte mich und sagte ernst: „Akzeptiert, wenn sich das Benehmen gegenüber den Damen und den Kindern ändert!“ Sein Vater sah mich fragend an. Ich sagte zum Sohn: „Die Erklärung liegt bei Ihnen.“ Der knickte ein wenig ein, straffte sich aber wieder und flüsterte seinem Vater etwas zu. Dieser sagte: „Bitte laut, ich höre nichts.“
Ein angeregtes Familiengespräch begann.

Kurt Meran von Meranien, Leipzig 20.03.2011


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Der Rentner
Gott sei es gedankt! Ich bin Rentner! Oh, wie hatte ich mich auf mein Rentnerdasein gefreut. Ich hatte mir alles toll ausgemalt. Jeden Tag bis neun Uhr schlafen. Wie sonst sonntags. Gemütlich frühstücken. Keine Hast mehr vor und nach dem Frühstück. Wenn das Wetter besser wurde, den ganzen Tag im Garten sein. Sozusagen ein verlängertes Wochenende auf Zeit. Wenn ich zurückdachte, dreißig Jahre Schichtdienst, die letzten fünf Jahre Normalschicht in der Verwaltung, um mich an das "normale" Leben zu gewöhnen. Vorbei heute war es soweit! Pustekuchen!

Es fing ganz anders an als geplant.
Um sieben Uhr weckte mich meine bessere Hälfte: „Aufstehen, der Tag beginnt am Morgen, sonst kommen wir zu nichts.“ Grummelnd wollte ich mich nochmal herumdrehen. „Komm schon. Ich gehe schon mal ins Bad. In dieser Zeit deckst du den Frühstückstisch in der Küche, kochst Kaffee und Eier, toaste Brot und stell die Butter raus.“ Brummend ging ich in die Küche. Wasser ist klar, aber wo ist der Kaffee? Wie funktioniert die Kaffeemaschine? Mensch, auf Arbeit habe ich mich nie ums Kaffeekochen gekümmert, wozu gab es eine liebevolle Sekretärin? Ich kochte Kaffee, hantierte am Toaster, setzte die Eier im Töpfchen auf den Gasherd, nachdem ich beim Anstechen zwei zerbrochen hatte, als meine Gute aus dem Bad rief: „Fertig, kannst kommen, aber beeile dich.“ Ich hatte das Bad noch nicht richtig in Besitz genommen, als ein Entsetzensschrei mich in die Küche rief. Dort erwartete mich der Erzengel Gabriel mit gezücktem Schwert! Fragen und Feststellungen prasselten auf mich herab. „Wo ist die Butter, das soll Toast sein, was schäumt da auf dem Herd, wie sieht die Kaffeemaschine aus, was ist das darin für Brühe, was hast du die ganze Zeit in der Küche gemacht????“ Verstört schlich ich wieder ins Bad. Was sollte das? Ich hatte gute außerplanmäßige Arbeit in kurzer Zeit geleistet.

Lustlos machte ich mich fertig, immer wieder lautstark angetrieben. Genauso lustlos nahm ich mein erstes Frühstück als Rentner ein, während SIE das Tagesprogramm festlegte und eine Vorschau für die Woche gab: „Dienstag kommt Tante Hilde mit ihren Kindern.“ Wieso kamen die dienstags? Die kamen doch sonst immer Sonntagnachmittag zum Kaffee? Ach ja so. „Donnerstags fahren wir mit dem Auto einkaufen, Freitag wird Kuchen gebacken, ach ja, Mittwoch gehen wir bummeln, mal Geschäfte ansehen und am Wochenende fahren wir mal raus Frühlingsluft genießen. Heute? Heute wird ja nicht mehr viel, wir sind zu spät aufgestanden und du hast so lange im Bad gebraucht, es ist ja gleich Mittag. Nach dem Mittagsbrot kannst du im Keller aufräumen, wolltest du schon lange machen, ich werfe inzwischen die Waschmaschine an, und wenn du hochkommst, trinken wir gemütlich Kaffee, feiern deinen ersten Rentnertag. Dann gehen wir mal schnell in die Boutique an der Ecke, da solls was für mich geben, hat die Meiern gesagt.“

Das soll mein erster Rentnertag sein? Pfui Teufel und das jetzt jeden Tag? Nächste Woche frage ich im Betrieb nach, ob sie mich nicht doch noch brauchen können! Möglichst ganztags!!!

Kurt Meran von Meranien  2002

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Gartenarbeit
An einem schönen sonnigen Frühlingstag besichtigten Marianne und ich unseren Garten. Wie üblich hatte ich im Winter einen Gartenplan gemacht, und entsprechende Vorbereitungen getroffen. Marianne war für die allgemeine Gestaltung und die Blumen verantwortlich, ich für Bodenpflege, Obst und Gemüse. Der Frühjahrsputz einschließlich Baumschnitt war getan. Alle Beete waren bereit zur Aussaat. Die frühen Radieschen hatte ich schon an einem schönen frostfreien Februartag gesät. Außerdem verwendete ich Radieschensamen immer als Markiersaat und hatte entsprechende Mengen bestellt. Als wir auf der Terrasse Kaffee tranken, entwickelte ich meine Pläne für dieses Gartenjahr. Seit Jahren kamen alle Verwandten zur Spargelzeit, Erdbeerzeit, Bohnenzeit und Obsterntezeit, zum Grillen und Kaffeetrinken. Sie rührten aber kein Werkzeug an, ernteten auch nicht,
sondern tranken unseren Kaffee und unser Bier, aßen unseren Kuchen und die Bratwürste, und verschwanden mit den schönsten Früchten unserer Bemühungen. Dieses Jahr sollte es anders sein. Alle waren mir hochwillkommen. Aber! Sie sollten sich an der Arbeit beteiligen, und zum Grillen Getränke und Grillgut mitbringen. Marianne stimmte mir etwas zögernd zu. Meinte aber später, ich solle niemanden vor den Kopf stoßen, sondern so nach und nach Besucher an das Mitmachen gewöhnen.

Als Erste fanden sich zum Wochenende Hilde und Rudi unangemeldet ein. Dadurch konnte sie Marianne am Telefon, wie geplant, nicht vorbereiten. Sie kamen mit leeren Händen, bewunderten die Frühlingsblumenpracht, und gaben gute Ratschläge, obwohl sie selber keinen Garten hatten und zuhause auch keine Pflanzen hielten, da diese nur Arbeiten machen würden. Einen schönen Blumenstrauß würden sie aber sehr gern mitnehmen.
Als ich während des Kaffeetrinkens von der Gartenarbeit sprach, und beide zur Mitarbeit einlud, hatten sie es plötzlich sehr eilig, und vergaßen beim Flüchten sogar die Blumen. Abends zuhause rief Hilde dann an, um zu fragen, ob ich nachmittags nüchtern gewesen sei, und warum Marianne nicht eingeschritten ist, als ich so unverschämt war. Marianne entschuldigte sich für mich, vertrat aber dann doch die Meinung, dass Gartenarbeit sehr
gesund sei, und Hilde und Rudi durchaus etwas mitmachen könnten.

Hilde und Rudi ließen uns dann längere Zeit, bis kurz vorm Angrillen in Ruhe. Als sie dann doch kamen, erschienen sie mit einem Packen Arbeitskleidung. Sie zogen sich in der Laube um, und traten zur Arbeit an. Rudi wollte unbedingt umgraben. Marianne wollte in der Küche helfen. Zum Umgraben gab es gerade nichts, aber ich bot Rudi andere Arbeit an: Unkraut zupfen, Radieschen verziehen, Rasen durcharbeiten, Beete hacken usw. Aber Rudi wollte sich nicht bücken, und das Hacken gab er nach einem halben Beet auf. Auch ein Machtwort von Hilde nützte nichts. Er habe genug getan, man solle es nicht übertreiben. Hilde und Marianne waren inzwischen in der Laube und auf der Terrasse zu Gange. Ich kümmerte mich erst um den Rasen, lernte zwischendurch Rudi beim Hacken an, und als er aufgehört hatte, überlegte ich, wie ich das versaute Beet wieder hin bekam. Dann tranken wir fröhlich fast zwei Stunden Kaffee und freuten uns schon auf den nächsten Garteneinsatz. Nebenbei lud ich Rudi zum Angrillen ein, und sagte ihm, was sie mitbringen sollten. Hilde hatte gottseidank nicht zugehört. Aber ihre Reaktion sollte ich am Grillnachmittag nachhaltig und unvergesslich zu spüren bekommen.

Kurt Meran von Meranien 2002

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Angrillen
An einem schönen Samstag wollten wir im Garten Angrillen. Alle Pächter unserer Anlage waren sich einig, am Samstag geht's los. Samstag jeder in seinem Garten mit Gästen, am Sonntag auf der Freifläche des Vereins ohne Gäste. Wir luden Hilde und Rudi und die anderen Verwanden rechtzeitig ein. Unsere Kinder wohnten zu weit weg und hatten auch schon was anderes vor, sagten ab. Mariannes andere Schwester sagte ab, als sie hörte das Hilde mit Familie kommen wollte.
Wir hatten die gesamte Anlage geschmückt, alles glänzte und strahlte. Petrus spielte mit, kein Wölkchen am Himmel. Im Vereinshaus hatte es schon einen kleinen Umtrunk gegeben. Alles war bester Laune. Marianne und ich hatten einige Vorräte eingekauft, damit wir nicht überrascht wären, wenn unangemeldete Gäste kamen. Marianne hatte die Grillsaison mit einem neuen Grill beginnen wollen, und brachte ihn in einem Paket mit. Ich baute ihn zusammen. Er sah dann auch so ähnlich wie abgebildet aus, obwohl einige Teile übrigblieben, die aber keinem der Bilder entsprachen. Der Grill war heiß und wartete auf die Bratwürste und Steaks. Das Bier war kalt, der Wein stand bereit. Klarer wartete im Kühlschrank. Zusätzliche Stühle und Bänke waren aufgestellt. Die Gäste konnten kommen. Und sie kamen! Hilde brachte ihre gesamte Kinderschar mit. Ihre vier erwachsenen Kinder mit Familie. Die Schar wollte gar kein Ende nehmen. Außerdem brachte sie noch ihr Kaffeekränzchen und Rudi seine Skatbrüder mit. Es waren so fünfundzwanzig Erwachsene und ungefähr zehn Kinder. Hilde brachte ein kleines Päckchen Bratwürste und zwei Steaks und Rudi drei Flaschen Bier mit. „Das reicht für uns beide. So wie du gesagt hast.“
Ich heizte noch den alten Grill an, während sich die "Familie" auf die Getränke stürzte. Marianne rannte zu den Nachbarn um Hilfe, und dann noch in den Supermarkt. Es nützte nichts! Alles was erschien wurde sofort vertilgt! Wer etwas abbekam, verzog sich in den Garten, egal wohin. Innerhalb von zwei Stunden war alles vorbei. Hilde zog mit ihrer Familie ab, und wir sahen uns das Schlachtfeld an. Alle Getränke und Speisen waren alle! Überall lagen Abfälle und schmutziges Geschirr! Die Blumenbeete waren kahl, der Rasen zertrampelt. Marianne und ich hatten kaum etwas gegessen und nichts getrunken, nur gearbeitet. Während wir aufräumten, gab es einen fürchterlichen Ehekrach. „Hilde kommt mir nicht wieder in meinen Garten“, schrie ich! Und Marianne schrie: „Das ist gar nicht dein Garten, den Garten habe ich von meinen Eltern geerbt und meine Schwester kann immer kommen. Los nachhause.“ „Ja geh nur schrie ich, ich bleibe hier und schlafe hier.“ Zum Abendbrot bettelte ich mir bei Nachbars etwas zusammen. Am Sonntagmorgen stand ich um fünf Uhr auf, weil ich nicht mehr schlafen konnte. Im Küchenschrank fand ich eine angetrocknete Scheibe Brot, dazu trank ich Tee. Dann sah ich mir den Garten an! Oh weh, oh weh! Unser Garten hatte sich in eine Einöde verwandelt. Keine Blume mehr. Kein Gemüse mehr. Ich fand kein einziges Radieschen. Die Nachbarn schauten über den Zaun und schüttelten die Köpfe. Hast Du uns nicht eine Menge von Verwandtenhilfe und Verwandtenfeier erzählt? Viel Spaß dabei gehabt? Das muss ja eine tolle Feier gewesen sein!

Kurt Meran von Meranien 2002

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Ausflug
Am Sonntag fuhren wir wie geplant ins Grüne.
Wer fuhr mit: meine Schwägerin Hilde mit ihrem Gatten, einem kleinen verhutzelten Männchen mit einem Körperschaden. Diesen hatte er sich geholt, weil er immer seine Hilde ansah, um festzustellen, was sie gerade für ein Gesicht machte. Ich war nur der Fahrer. Die Damen bestimmten das Ziel. Das heißt, erst einmal gab mir Marianne meine Frau, die ungefähre Richtung an, da beide Damen sich über das Ziel noch nicht einig waren und heftig stritten. Marianne hatte gesagt, fahr Richtung Osten. Nun ich nahm das wörtlich und fuhr auf der Autobahn Richtung Dresden. Rudi, das Männchen blinzelte die ganze Zeit und flüsterte: „Kurt was willst Du in Dresden, Hilde wird verrückt.“ Als Hilde und Marianne sich einig geworden waren, und als Ziel Naunhof angaben, näherten wir uns der Abfahrt Wilsdruff! Ich verließ die Autobahn in Richtung Kesselsdorf, während beide Frauen auf mich einschrien: „Was musst du immer so rasen, was wollen wir hier, kannst du nicht abwarten, bis wir dir das Ziel nennen, hättest du uns einmal gefragt!“ Ich fuhr in Kesselsdorf auf den Parkplatz der Tankstelle und stellte den Motor ab. „Alles aussteigen! Wenn ihr jetzt keine Ruhe gebt, fahre ich allein weiter. Ihr könnt ja nach Naunhof laufen. Außerdem gibt es mehrere Orte mit dem Namen Naunhof, entscheidet euch.“
Schlagartig beruhigten sich beide. Ich schlug vor, da wir nun schon einmal hier waren, gemütlich nach Theisewitz zu fahren. „Dort gibt es den Landgasthof "Zum schönen Otto", da können wir Mittagessen.“ Gesagt getan.

Über Freital und Possendorf fuhren wir durch schöne Waldlandschaft nach Theisewitz. Aber oh Graus, den "schönen Otto" gab es zwar noch, aber es war eine Pension ohne Gastwirtschaft. Die Damen grinsten nur: „Und nun?“ Ich fuhr nach Kreischa, da gab es schöne Lokale. Anschließend an das Essen sahen wir uns Kreischa an, besichtigten das Sanatorium, wo zu DDR Zeiten die Spitzensportler kuriert wurden, und spazierten im Wald. Kaffee tranken wir in einer schönen Gaststätte in der Nähe von Theisewitz. Am frühen Abend wollten die Damen eilig nachhause. Von ihnen angetrieben fuhr ich so schnell ich konnte. Als die Tachonadel bei einhundertneunzig stand, wurde ich natürlich wieder kritisiert: „Wir wollen schnell nachhause, aber ohne zu rasen.“ Also pendelte ich den Tacho bei einhundertzwanzig Stundenkilometern ein, und setze mich so, dass die Damen den Tacho nicht mehr beobachten konnten. Wir setzten Hilde und ihren Mann in Taucha ab, mit dem Versprechen bald wieder einmal so eine schöne Tour zusammen zumachen. Hoffentlich vergessen sie unser Versprechen.
Zuhause gab es dann noch ein Nachspiel. Marianne beschwerte sich über mein rücksichtsloses Verhalten während der Fahrt und ganz besonders in Kesselsdorf. Ich konterte so gut ich konnte und versprach ihr, nicht wieder abzufahren, ohne das genaue Ziel zu wissen.

Kurt Meran von Meranien 2003
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Hagel
Am Sonntagfrüh ging ich in den Garten. Marianne wollte gegen zwölf mit dem Essen kommen. Am Nachmittag wollten Hilde und Rudi kommen. Wie üblich wollten sie bei uns Kaffee trinken, Kuchen essen und dumm rumquatschen. Als ich die Gartentür aufmachte, sah ich die Bescherung. Unser Garten sah aus, als wenn nach einer Überschwemmung ein Bulldozer hier langgefahren wäre! Ich schloss die Laube auf. Alles war feucht und
schmutzig. Das Dach hatte viele Löcher. Ich versuchte mit dem Handy, Marianne anzurufen. Es war immer besetzt. Wie üblich, Dauergespräche. Also räumte ich langsam alles, was in der Laube war auf die Wiese. Auf der Terrasse wollten wir ja essen. Zwischendurch rief ich vergeblich bei uns an. Gegen zwölf kam Marianne. Sie blieb an der Wiese stehen und legte los. „Kurt, was denkst du dir überhaupt? Kannst du überhaupt denken? Wieso räumst du am Sonntag die Laube auf? Was sollen Hilde und Rudi denken? Wieso liegen die Matratzen auf den Tischen und Stühlen? Spinnst du?“ Ich arbeitete ruhig weiter, und machte keinen Versuch, sie zu unterbrechen. Das brachte nichts. Ich kam erst dazu etwas zu sagen, wenn sie keine Luft mehr bekam. „Marianne siehst du denn nicht, was hier los ist?“ „Natürlich sehe ich das! Ich bin ja nicht blind. Du verbreitest Chaos.“ „Marianne hier hat es gehagelt!“ „Was hier auch?“ „Überall!“ „Bei uns auch?“ „Wieso?“ „Na, du hast doch gesagt überall! Aber zuhause ist doch alles in Ordnung.“ „Ja, bis aufs Auto!“ „Kurt fang nicht wieder an. Das ist dein Auto. Und lenk nicht ab, was machst du hier für eine Unordnung?“ „Sperr die Augen auf! Ich räume die Laube aus.“ „Das sehe ich! Ich sehe das! Aber warum?“ „Weil es gehagelt hat. Und das Dach kaputt ist.“ „Mm. Glaubst du, das Dach wird wieder ganz, wenn du die Laube ausräumst?“ „Nein.“ „Warum machst du's dann?“ „Warum könnte ich es denn machen, überlege mal!“ „Keine Ahnung.“ „Herrje. Weil alles, was in der Laube gewesen ist, klitschnass ist. Du taube Nuss!“ „Alles nass? Das ist ja schrecklich! Was soll ich denn Hilde sagen? Bis zum Kaffee muss alles wieder drin sein.“ „Nein, erst muss es trocken sein.“ Sie besah sich das Sofa. „Das ist ja wirklich richtig nass. Das trocknet nicht bis drei!“ „Na und, wir gehen ja sowieso erst nachhause, wenn es dunkel wird.“ „Aber wenn Hilde und Rudi kommen?“ „Sollen sie sich auf das nasse Sofa setzen. Da treibt es die Nässe eher raus.“ „So etwas Gemeines. Hilde ist meine Lieblingsschwesterl“ „Na da lass doch deinen Liebling hier einmal richtig anfassen! Außerdem habe ich die ganze Zeit versucht dich anzurufen. Immer war besetzt! Mit wem hast du solange gequatscht?“ „Das geht ihnen Herr Meran von Meranien gar nichts an! Ich frage auch nicht wo du Skat spielst und mit wem.“ „Nein, fragen tust du nicht. Du meckerst!“ „Ach!“ „Was ist?“ „Wir wollten doch um zwölf Mittagessen.“ „Nun und?“ „Es ist doch schon um eins.“ „Na los decke den Tisch, wir können sofort essen.“ „Nein können wir nicht.“ „Und warum nicht?“ „Die Kartoffeln sind inzwischen kalt geworden. Nur wegen deinem Chaos hier.“ „Das ist doch nicht schlimm. Wärmen wir sie auf.“ „Aufgewärmte Kartoffeln schmecken nicht. Nur aufgewärmter Eintopf schmeckt.“ „Los ich decke den Tisch, du wärmst die Kartoffeln im Wasserbad.“
Marianne stellte den großen Henkelkorb mit dem Essen auf den Küchentisch. Die kleine Küche war in Ordnung, und auch sauber. Ich setzte Wasser für das Wasserbad auf. „Komm Marianne, gib mir die Kartoffeln.“ Marianne sah in die Töpfe und Schüsseln. Sie murmelte vor sich hin. „Fleisch, Salat, Pudding. Kartoffeln? Wo sind die Kartoffeln?“ „Ich hab noch keine gesehen.“ „Die müssen aber da sein.“ „Guck richtig in den Korb.“ „Ich muss sie schon raus getan haben.“ „Nein hast du nicht.“ „Ich bin doch nicht blöd.“ „Weis man's?“ „Die Kartoffeln haben auf dem Herd gestanden als die Mayern ... Herd. Die Kartoffeln stehen noch auf dem Herd!“ Sagte es und rannte kopflos davon. Da Ich großen Hunger hatte, fing ich an zu essen. Marianne kam und kam nicht. Also verdrückte ich das restliche Fleisch, warum sollte es kalt werden? Den Salat und den Pudding. Als dann Marianne immer noch nicht auftauchte, machte ich mir doch Gedanken und ging nach Hause. Da über unserem Block keine Rauchwolke stand, konnte nicht schlimmes passiert sein! Im Treppenhaus roch nichts verbrannt.
Als ich an der Wohnungstür stand, hörte ich Stimmen. Ich schloss leise die Tür auf. Marianne saß mit Frau Mayer in der Küche und tratschte. Ich machte die Tür laut zu, und ging in die Küche. „Was machen die Kartoffeln?“ Sie schoss mir einen bösen Blick zu. „Die Kartoffeln? Ach die Kartoffeln. Ja, die sind im Topf Ich tue sie gleich raus.“ Frau Mayer stand auf und verabschiedete sich. Marianne brachte sie zur Tür. Es war ein langer Weg konnte man meinen, solange wie Marianne weg blieb. Plötzlich kam sie angeschossen. „Wie kannst du vor Frau Mayer nach den Kartoffeln fragen? Die denkt doch gleich, mir ist das Essen angebrannt.“ „Und?“ „Ich habe sie in die Wärmekiste getan.“ „Wann?“ „Nun, als Gelinde meine Schulfreundin anrief.“ „Und wo sind sie jetzt?“ „Na in der Wärmekiste.“ „Na da kann ich ja beruhigt wieder in den Garten gehen.“ „Ich komme natürlich mit.“ Sie nahm die Kartoffeln aus der Wärmekiste und packte sie in den Reservehenkelkorb. Ich musste innerlich Grinsen. Die Kiste hatte offen im Schlafzimmer auf der Kommode gestanden. Im Garten angekommen, stellte Marianne großartig die Kartoffeln auf den Tisch, und nahm den Deckel vom Fleischtopf. „Da ist doch nur noch Soße drin.“ „Ohne Kartoffeln hatte ich nicht soviel Soße gebraucht.“ „Wo ist das ganze Fleisch? Ohhhh, wo ist der Salat und der Pudding?“ „Habe ich zu Mittag gegessen.“ „Ohne Kartoffeln?“ „Hat auch so gut geschmeckt. Du bist eine gute Köchin.“ „Aber die Kartoffeln?“ „Du hast sie doch warmgehalten und isst sie jetzt mit Soße. Die Soße ist immer noch warm.“ „Ja aber die Kartoffeln sind eiskalt, wieso?“ „Marianne, warum willst du jetzt noch essen?“ „Weil ich Hunger habe, verstehst du? Hunger habe ich.“ „Marianne sieh einmal auf die Uhr.“ „Na und, es ist drei.“ „Aha, und wann kommen Hilde und Rudi?“ „Na um drei, habe ich doch gesagt, Kurt, du hörst nie hin, wenn ich etwas sage.“ „Es ist drei!“ „Und oh und oh je! Es ist 3! Kurt warum hast du mir das nicht gesagt? Oh je dort kommen sie schon!“ Sagte es und fiel um. Hilde stürzte zu Marianne, nahm sie in den Arm und brachte sie wieder zur Besinnung. Ich zog Rudi am Ärmel und flüsterte komm, die zwei vermissen uns die nächsten Stunden nicht.

Kurt Meran von Meranien 2003

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Gartenarbeitsplan
Jedes Jahr im Spätherbst wurde das Gartenjahr abgeschlossen. Es gab verschiedene Kriterien, nach denen abgerechnet wurde. Was wurde angepflanzt? Was wurde geerntet? Wie hatte sich der Gartenplan bewährt?
Wurden Umbauten oder Neubauten, oder Reparaturen vorgenommen? Dann wurde auf der Grundlage der Vierfelderwirtschaft ein neuer Gartenplan für das kommende Jahr erarbeitet und beschlossen. Für das Zeichnen des Planes war ich schon immer verantwortlich. Genauso, wie für die Pflege des Zaunes und des Gartentores, der Wege, der Terrasse, des Rasens und der Bäume. Außerdem für die Obsternte, das Hacken der Beete und das Stecken der Blumen und Gemüsezwiebeln. Marianne war für Saat, Pflege und Ernte und Verarbeitung des Gemüses verantwortlich. Außerdem führte sie die Oberaufsicht über den Garten. Und nicht zu vergessen, für die Kommunikation mit den Gartennachbarn.
Wenn wir die Planung abgeschlossen hatten. Wurde der Plan gezeichnet, kopiert und die Kopie abgeheftet. Wenn im Frühjahr und Sommer Saat und Pflanzung erfolgte, wurde der Plan stetig aktualisiert. Im Herbst wurde dann der aktualisierte Plan mit der abgehefteten Kopie verglichen. Soweit die Theorie.
Die Praxis sah dann so aus, dass Marianne sich einen Dreck um den Plan scherte, und so säte und pflanzte, wie es ihr gerade in den Sinn kam. So konnte es passieren, dass sie fünf Jahre lang aufs selbe Beet immer wieder Erdbeeren pflanzte, und sich jedes Jahr wunderte, dass die Ernte immer schlechter wurde. Was sie aber meist auf schlechtes Wässern meinerseits zurückführte. Es hing mir schon meterweit zum Halse heraus, dass ich sie immer wieder an Plantreue erinnern musste, was natürlich als respektloses und unqualifiziertes Meckern abgetan wurde. Ihr Argument war immer, du hast ja überhaupt keine Ahnung. Ich habe diesen Garten von meinen Eltern geerbt. Und ich habe immer fleißig mitgearbeitet und gelernt. Das stimmte. Die Obstbäume waren mindestens schon fünfzig Jahre alt. Sie dienten höchstens noch als Schattenspender. Wenn wir mal drei Birnen und fünf Äpfel ernteten war ich schon glücklich. Nur die Kirsche gab noch einiges her. Als Mariannes Eltern keine Lust mehr zur Gartenarbeit hatten, durften wir allein verantwortlich arbeiten. Was stand in diesem Minigarten? Ein Unterstand genannt Laube; ein Geräteschuppen, eine sogenannte Toilette  bestehend aus einer Holzkiste mit Eimer. Bestimmt schon auch fünfzig Jahre alt. Es gab einen Apfelbaum, eine frühe Birne, eine späte Birne und eine Sauerkirsche. Die Namen der Obstbäume kannte niemand mehr. Eine verholzte Stachelbeere und zwei schwarze Johannisbeeren mickerten vor sich hin. Dazu jede Menge verwilderte Blumen. Die Obstbäume waren bestimmt schon Jahre nicht mehr verschnitten. Wilde Brombeeren und wilde Rosen machten sich überall breit. An der Laube und zum Nachbarn wuchsen jede Menge Holundersträucher. Auch gab es eine verfilzte Wiese.
Als ich zum ersten Male in dem "Garten" war, schlug ich die Hände über dem Kopf zusammen. Allerdings sahen die Schwiegereltern gerade nicht her. Schwiegervater hatte ganz stolz erklärt, Junge, das ist unser kleines Reich! Hege und Pflege es zusammen mit Marianne. Marianne wird dir zeigen wie man das macht! Sie ist uns immer eine großartige Hilfe gewesen. Alles was sie über Gartenarbeit und Pflege weis, hat sie von mir gelernt. Natürlich auch von Mutter. Aber Mutter hat sich mehr um die Verarbeitung der Ernte gekümmert. Mein, da hatte sie ja nicht viel zutun, wurde stirnrunzelnd entgegengenommen. Vater lies sich danach nie wieder im Garten sehen. Zumindest nicht, wenn ich da war. Das ich jahrelang einen großen Schrebergarten und gleichzeitig einen großen Hausgarten gehabt hatte, interessierte kein bisschen. In meinem Garten hatte ich eine große Laube mit Terrasse gehabt. Dagegen war hier die Laube mit ihren acht Quadratmetern gar nicht zu sehen. Wenn wir im Herbst die Beete abräumten und abrechneten, gab es den obligatorischen Streit. Erstens konnte ich nicht verstehen, dass die Beete "sauber" sein mussten. In meinem alten Garten hatte ich im Spätsommer immer Gründünger gesät, der im Januar oder Februar untergegraben wurde. Das weder Kompost  noch Reisighaufen zu sehen sein durften, denn wo sollten die Reste vom Baumschnitt hin, und Kompost wurde meines Erachtens im Frühjahr untergegraben. Zweitens war mir völlig unklar, wieso ich so einen schönen Gartenplan erstellt hatte.

Und drittens, hatte die Ernte überhaupt nicht unsere Erwartungen erfüllt.
Voriges Jahr war es besonders krass! Was wir geerntet hatten, konnte man im Henkelkorb nach Hause tragen. Die Blumen waren im Hause verteilt worden, wobei die Nachbarn genau beobachteten, wer wie viel Blumen bekam. Danach richtete sich dann ihr Verhalten uns gegenüber. Ich hatte genug. Ich sagte Marianne einmal richtig die Meinung!! Ich würde in ihrem Garten keinen Finger mehr rühren. Im Frühjahr wurde es ernst. Ich hatte mir schon im Herbst am anderen Ende der Anlage einen einhundertundneunzig Quadratmeter großen Garten, mit Laube und Schuppen gepachtet. Auf der Freizeitmesse kaufte ich verschiedene Sorten Blumenzwiebeln. Bei Bakker und Baldur hatte ich schon im Herbst Artischocken und andere Pflanzen bestellt. Die Arbeit kam mit den ersten Sonnentagen ins Rollen. Die Nachbarn pendelten immer von einem Garten zum anderen und berichteten uns von den Fortschritten. Exakt nach Plan wurden meine Beete bestellt. Ein bei Thomas Phillips gekauftes Folienzelt aufgestellt und ein Pavillon errichtet. Rasen brauchte ich nicht. Im Folienzelt baute ich Schlangengurken an. Auf den Gemüsebeeten Zucchini, und anderes Gemüse. Auf den Rabatten wuchsen Tulpen, Osterglocken und so. Den Boden, wo ich die Zucchini gepflanzt hatte, hatte ich mit blauer Folie abgedeckt. Die Tomaten hatten rote Dächer bekommen. Alles gedieh prächtig.

Zu Hause war das Thema Garten TABU! Seit ich einen eigenen Garten hatte, ließen sich die Schwiegereltern nicht mehr sehen. Na und Hilde und Rudi kamen ja auch nur zur Erntezeit. Als ich mein erstes Gemüse mit nach Hause brachte, staunte Marianne nicht schlecht. Aber zubereiten musste ich es selbst. Das ist dein Zeug, das rühre ich nicht an. Ich unterlief die Abneigung der Schwiegereltern indem ich Schwiegermutter besuchte, wenn Schwiegervater nicht zu Hause war. Ich brachte immer etwas mit. Es wuchs in meinem Garten soviel, ich hatte mich beim Pflanzen verkalkuliert, das ich es gar nicht allein verwenden konnte. Als Schwiegermutter meine Riesenmöhren sah, fiel sie mir um den Hals. So groß sind die bei uns nie geworden. Die Zucchini wollte sie erst gar nicht haben. Vater hat immer gesagt, so ein neumodisches Zeug bauen wir nicht an. Ich fragte Mutter, ob sie Zucchini mal gekostete hätte. Als sie verneinte, schnitt ich eine handgroße auf und wir aßen sie zum Butterbrot. Sie war begeistert. Ich gab ihr ein paar Rezepte zum selber zubereiten, und lies ihr mehrere Früchte da. Am Wochenende sah ich wie Schwiegervater in Mariannes Garten ging. Kurze Zeit später kam Schwiegermutter zu mir, und bedankte sich für die Zucchini. Vater hätte die gefüllten Zucchini fast alle alleine gegessen. Jetzt sei er bei Marianne, weil er dachte die sind von ihr. Na, das konnte ja heiter werden. Das gab bestimmt wieder einen großen Krach, wenn er die Wahrheit erfuhr. Ich gab Schwiegermutter Gurken und Zucchini und sie meinte, sie gehe lieber nach Hause, ehe der Alte Krach macht. Na, dachte ich, stärkst dich erst einmal für die nächsten Stunden. Ich saß noch nicht lange auf der Terrasse, als Schwiegervater mit Marianne kam. Sie fragten ganz höflich, ob sie rein dürften. Dann kamen sie auf die Terrasse, und Schwiegervater stellte zu meinem Erstaunen mehrere Flaschen Bier auf den Tisch und eine Flasche Whiskey. Völlig baff, sah ich ihn fragend an. Er sagte zu Marianne, guck mal wo Mutter ist. Als Marianne weg war, riss er den Mund weit auf und ich dachte, jetzt kommt's, jetzt kommt das Donnerwetter. Aber er sagte nur, krieg ich ein Glas, oder muss ich aus der Flasche trinken? Als Marianne nach vielleicht einer Stunde mit Schwiegermutter kam, waren wir beide uns vollkommen einig, das der extensive Gemüseanbau zwar das einzig richtige in der heutigen Zeit sei, das aber weder dass Zwischenmenschliche, noch immer einmal ein guter Schluck vergessen werden dürfe. Schwiegermutter und Marianne mussten auf Befehl Schwiegervaters auch mittrinken, und beide Frauen hatten dann ihre liebe Not den Alten auf den Heimweg zu bringen. Marianne kam anschließend zu mir und wollte, dass wir uns wieder vertragen. Ich konnte ihr Ansinnen gar nicht verstehen, denn wir vertrugen uns doch! Es gab im Garten keinen Streit mehr, wir benutzten verschiedene Heimwege, und zuhause sprachen wir nicht über Gartenarbeit. Was wollte Marianne noch? Besser konnte es ja gar nicht gehen.

Auch zum Sommerfest gingen wir getrennte Wege. Im Jahr zuvor hatte ich zu viel getrunken, und dann großen Ärger, abgesehen vom Kater. Dieses Jahr umging ich dies, indem ich mich als Klofrau verdingte. Ich zog einen weißen Berufsmantel an, setzte meinen weißen Sommerhut auf und bewaffnete mich mit Schrupper und Lappen. Wir hatten separate Herren  und Damenklo. Neben den Klotüren baute ich Tische auf, wo ich Hygieneartikel für Damen und Herren feilbot. Tempotaschentücher gab's gratis. Viele zahlten murrend ihr Scherflein. Manche gingen aber auch ins Gebüsch. Die meisten Garteninhaber gingen aus Protest auf ihre eigene Toilette. Fast nur Gäste kamen zu mir. Der Vereinsvorsitzende gab mir für seine Frau und sich einen Festbetrag. Sein Stellvertreter wollte nichts zahlen und zahlte dann auch wirklich nicht. Da ich nach jeder Benutzung die Räumlichkeit auswischte, bzw. die Brille säuberte, hatte ich natürlich auch die Übersicht, wie blau die Nutzer waren, und ob die Männer noch zielen konnten oder nicht. Der Stellvertreter konnte nicht. Für meine aufopferungsvolle Tätigkeit, Umsatz hatte es kaum gegeben, wurden mir drei Arbeitsstunden gutgeschrieben. Wie Marianne nach Hause gekommen ist, weiß ich nicht, ich war stocknüchtern, da ich im Dienst prinzipiell nicht trinke.
Als die Haupterntezeit herankam, tauchten auch wieder Hilde und Rudi auf. Aber in meinen Garten hatten sie keinen Zutritt! Von Marianne vorgewarnt, brachte ich an meiner Gartentür Schilder an, die eindeutig auf fleißige Gartenarbeit hinwiesen. Wer nichts tut bekommt auch nichts. Für Schmarotzer ist der Zutritt nicht gestattet. Trotzdem kamen an einem Wochenende Hilde und Rudi. Obwohl Marianne ihnen geraten hatte, mich nicht zu belästigen, kamen sie in den Garten. Sie wollten sich angeblich davon überzeugen, dass wir zwei Gärten hatten. Wer soviel hat, kann uns ja etwas abgeben! Ohne etwas zu sagen, führte ich sie unter dem Gelächter der Nachbarn aus meinem Garten heraus, schloss von innen die Tür und zeigte auf die Schilder! Tief beleidigt und von den Nachbarn verhöhnt zogen beide ab, und ließen sich bei mir nie wieder sehen. Im Herbst rechneten wir ab, und verglichen unsere Ernte. Marianne hatte dreiundsechzig Kilo Obst und Gemüse geerntet, ich einhundertundzehn. Sie weinte. Dann fuhr sie zu ihren Eltern. Am nächsten Tag kam sie mit ihren Eltern zurück. Schwiegermutter lobte meinen Fleiß im Garten, und bei der Hausarbeit. Vater hatte zu Hause nie etwas gemacht. Sie könne Marianne überhaupt nicht verstehen. Schwiegervater schätzte ein, ich sei trinkfest aber nicht arbeitsscheu Marianne müsste stolz auf mich sein. Soviel Lob konnte ich überhaupt nicht verkraften. Wir feierten alle vier feuchte Versöhnung. Mein Garten blieb der Gemüsegarten und Mariannes wurde der Blumengarten. Mein Vorschlag, die Schwiegereltern sollten sich im Blumengarten einrichten, um sich richtig zu aalen wurde mit allgemeinem Beifall aufgenommen.
Und jetzt ist es so: Gearbeitet wird im Gemüsegarten gefeiert im Blumengarten!

Kurt Meran von Meranien 2003
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Morgens? Aber nicht halb zehn in Leipzig
Fiviebert saß nackt auf der Kante seines Bettes und angelte mit den Füßen nach seinen Pantoffeln. Gähnend reckte er sich, und sah sich um. Überall lag Kleidung auf dem Boden. Viele Sachen, und das meiste davon waren eindeutig Frauensachen. Routinemäßig überprüfte er seine Umgebung. War er in seiner Wohnung? War die Brieftasche da? Hatte er Haare auf dem Kopf? Seit seiner wilden Zeit kontrollierte er das beim Aufstehen. Es  war oft vorgekommen, dass er irgendwo aufgewacht war und nicht wusste wo. Das Brieftasche und Schlüsselbund fehlten, oder eine Glatze seinen Kopf zierte. Nun, heute war scheinbar alles in Ordnung. Bis auf die fremden Sachen!
Er stand auf, sortierte die herumliegende Kleidung, und besah sich sein französisches Bett. Das Laken sah furchtbar aus! An Hand der verschiedenen Sachen mussten sich zwei Frauen in der Wohnung aufhalten. Er sah in alle Ecken. Hier war keine. Er ging ins Bad, als dort Wasser rauschte. In der Wanne stand eine Frau und duschte. Eine Frau. Wo war die andere? Als die in der Wanne sich herumdrehte, erschrak er. Nun wusste er auch, wo sein Alptraum, und seine aufgeschlagenen Knie herkamen. Die Maus hatte einen herrlichen Körper, war aber grundhässlich. Ihm fiel schlagartig ein, dass er mal aufgewacht, ihr Gesicht gesehen hatte, und mit einem doppelten Salto mortale aus dem Bett gesprungen war. Aber eine ganz andere Sache quälte ihn. Wie kam diese Frau in seine Wohnung, und wo war die andere? Er gab ihr einen Kuss auf den Schenkel und bot an, ihr beim Duschen zu helfen. Sie schüttelte wie wild ihren Kopf und krächzte: „Nein, nein, nicht schon wieder!“ „Was heißt hier nicht schon wieder?“ „Ich kann immer noch nicht wieder richtig sprechen“, krächzte sie. Fiviebert wunderte sich. Was hatte einseifen mit sprechen zu tun? Er fragte: „Sag mal, wo ist die Andere hin?“ „Brötchen holen.“ Beim Aufräumen hatte er auf die Uhr gesehen. Es war 5! Da es Sommer war, war es draußen schon hell. „Wer geht denn früh um 5 Brötchen holen?“ Sie sah ihn verständnislos an. „Es ist nicht morgens um 5, es ist nachmittags!“ Er schluckte. Ging wortlos in das Wohnzimmer und sah auf die Funkuhr. 17,11 Uhr. Fiviebert begab sich wieder ins Bad. Er sagte kopfschüttelnd: „Samstagnachmittag um 5 gibt es hier auch nirgends frische Brötchen.“ Sie lachte und meinte, das habe sie nur so gesagt. Die hole Zigaretten. „Das ist eine Nichtraucherwohnung!“ „So? Komisch.“ „Was ist daran komisch?“ „Du rauchst doch wie ein Schlot.“ Schon wieder etwas Unverständliches. Er rauchte doch seit 8 Jahren nicht mehr! Ohne auf ihren krächzenden Protest zu achten, seifte er sie zügig ein. Er wollte gerade seine Wannenmasche abziehen, als es an der Haustür klingelte. Er meldete sich an der Sprechanlage. „Polizei, bitte öffnen“, sagte eine weibliche heisere Stimme. Fiviebert betätigte den Türöffner, öffnete aber nicht die Wohnungstür, sondern linste durch den Spion. Eine Frau in einem langen Jeanshemd. Sie kam zu seiner Tür und klingelte. Wer war das? Polizei, im Hemd? Er vergaß, dass er nichts an hatte und öffnete. Sie kam herein, ging an ihm vorbei ins Wohnzimmer, und legte Zigaretten und eine Schachtel Zigarren auf den Tisch. Er war ihr gefolgt und fragte: „Für wen sind die Zigarren, und wer sind sie?“ „Ich bin eine Frau, und die Zigarren sind für Dich!“ „Und wieso Polizei?“ „Du hättest doch sonst kaum aufgemacht.“ Er sah sie von oben bis unten an. Das Hemd kam ihm bekannt vor. Natürlich, es war ja auch seins. Er hatte die Ärmel über den Ellenbogen einfach abgeschnitten, als sie löchrig wurden. „Wo ist Siggi“ fragte sie.“ „Wer ist Siggi?“, fragte Fiviebert zurück. Sie sah ihn an und sagte: „Dir fehlt anscheinend der Film.“ Er nickte. Zusammen gingen sie ins Bad. Die andere, also anscheinend Siggi, trocknete sich, immer noch in der Wanne stehend, mit einem Badehandtuch ab. Die im Hemd sagte heiser: „Siggi, kannst du dir das vorstellen, Fiffi fehlt der Film. Er kennt uns nicht, und weiß nicht wie wir hierher gekommen sind!“ Die andere nickte grinsend. Die im Hemd sagte zu Fiviebert: „Du musst Siggi doch noch von Früher kennen! So ein Gesicht vergisst man  nicht.“ Der heranfliegenden Handbürste wich sie geschickt aus und lachte. Er verstand immer noch nicht. „Mensch, erinnere dich! Siggi wohnt in Wahren und ihr habt's schon x-mal miteinander getrieben!“ Fiviebert fiel vor Erstaunen fast in die Badewanne. Natürlich. Wie konnte er die Maus vergessen. Die war doch scharf wie eine Rasierklinge und wild wie eine Nonne gewesen. Aber hübscher war sie nicht geworden. Sie hatte immer noch rosarote Kopfhaut. Dünne weißblonde Haare. Der Mund reichte von einem Ohr zum Anderem. Und X-er hatte sie auch immer noch. Aber wieso waren die Beiden so heißer? Und den Namen der anderen wusste er immer noch nicht. Diese knöpfte gerade das Hemd auf und zog es aus. Sie hatte nichts drunter! Er bekam Stielaugen, und fragte: „So warst du Einkaufen?“ Sie nickte lachend, und stieg in die Wanne. Er sagte laut: „Einmal einseifen bitte“, und wollte beginnen. Auch sie protestierte. Als sie fertig war, lehnte sie auch sein Angebot, ihr aus der Wanne zu helfen kategorisch ab. „Einmal reicht!“ Er sah sie jetzt einmal genau an. Beide hatten ihre Bikinizone glattrasiert. Wie er das hasste! Erstens fehlte das Schönste, und zweitens konnten sich doch auf der glatten Haut die Sexuallockstoffe nicht lange halten. Allerdings in dem Alter? Er beschloss, seinen Arzt einmal zu fragen, wann die Lockstoffe ihren Dienst einstellten. Die Frauen wollten frühstücken. Fiviebert zog seinen Hausanzug an, und bestand darauf, dass die Beiden Bademantel und Hausmantel von ihm anlegten. Siggi sagte: „Zieh nicht so viel an, wir sind noch nicht fertig!“ Beim Frühstücken  erzählten sie ihm was gewesen war. Fiviebert hörte entsetzt zu.
Er wusste nur noch, dass er Freitagnachmittag im Park spazieren gegangen war. Er hatte seinen Spaziergang immer weiter ausgedehnt, und war in einem Biergarten gelandet. Alle Tische waren besetzt. Nur an einem Tisch war noch etwas frei. Obwohl an diesem Tisch zwei Frauen saßen, hatte er nach höflicher Frage mutig Platz genommen. Nach längerer fröhlicher Unterhaltung waren sie gegangen, und Richtung Stadt spaziert. Unterwegs
wurde noch eingekehrt.Von da ab fehlte ihm der Film.
Sie hatten ihn in eine Disco geschleift. Dort hatten sie getanzt, gequatscht und geraucht. Er hätte eine Zigarre nach der anderen gequalmt. Zu später oder auch früher Stunde wollten sie nach Hause. Fiviebert wollte unbedingt noch etwas zu trinken mitnehmen, hätte aber kein Geld mehr gehabt. Als Pfand für die 2 Flaschen Wein, Malaga und Ramos pinto, hätte er seinen Personalausweis dem Wirt gegeben. Fiviebert's Haare stellten sich auf, als die Frauen das erzählten. Unauffällig sah in seine Brieftasche. Der PA war an seinem Platz. Und Geld war auch genug da. Was erzählten die denn für Zeug? Da Fiviebert nach der Disco nicht mehr allein laufen konnte, hätten sie ihn nach Hause gebracht. Unterwegs hätte er sich soweit erholt, dass seine Unternehmungslust wieder erwachte. Die Frauen mussten zu Hause bei ihm in die Wanne und duschen. Er hätte sie eingeseift, dabei massiert, nicht aus der Wanne gelassen, und furchtbar gekitzelt. Sie hätten so gestöhnt und geschrieen dass die Nachbarn an  Tür und Wände geklopft hatten. Dann hätte er ihnen im Bett den Wein zuerst in den Nabel und dann woanders hin gegossen und mit einem Trinkhalm aufgesaugt. Es würde immer noch überall kleben.
Fiviebert stöhnte. Da konnte er sich von seinen Nachbarn ja was anhören.
Die andere sagte: „Ich habe vorhin etwas Geld zum Einholen genommen, das hier so rumlag. Du könntest mir mein Zeug mal wiedergeben.“ „Was für Zeug?“ Siggi sagte: „Carrys Handtasche ist doch kaputt gegangen. Du hast ihr Zeug in deine Jacke gesteckt, und wolltest die Tasche später reparieren.“ Fiviebert holte seine Jacke. Er förderte ein kleines Taschentuch, Kosmetikkrimskram und ein paar Eus zu tage. Carry fragte: „Und wo ist mein Personalausweis?“ „Hier nicht.“ Carry schluckte und fing plötzlich an zu schreien. „Du hast doch nicht etwa meinen PA dem Wirt gegeben?“ Fiviebert bot kleinlaut an, mit ihr zusammen hinzugehen. Siggi meinte, aber erst steigst  du in die Wanne, und dann geht es dir schlecht! Solltest du danach noch leben, gehen wir drei zusammen hin.

Es wurde noch ein schönes abwechslungsreiches Wochenende.
Allerdings konnte Fiviebert sich nach diesem Wochenende über eine Woche lang kaum bewegen, und es tat alles weh, was irgendwie wehtun konnte.

Kurt Meran von Meranien 07.02.2008 (Lesung Im Budde-Haus Leipzig 2008)

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Guten Tag Frau Fliege
Fliegen werden in meiner Wohnung gern begrüßt. Was wäre eine Wohnung ohne Fliegen? Früher kamen Fliegen oft zu Besuch.  Ja sie hatten bei uns eine wirkliche angemessene Heimstatt.
Nicht umsonst gaben wir ihnen den Kosenamen „Stubenfliege“!
Mittlerweise sind diese lieben Tierchen wohl ausgestorben.

Dafür macht sich eine Verwandte breit und unbeliebt. Die Frucht- oder auch Obstfliege.
Wehe, wenn sie losgelassen!
Beziehungsweise angelockt worden sind.
Nun gibt es ja verschiedene Maßnahmen mit Fliegen umzugehen. Als ich vor Jahren eine ehemalige Arbeitskollegin in ihrer Wohnung aufsuchte, fragte ich mich schon an der Wohnungstür, wo ich da sei. Die Wände und die Zimmerdecken waren irgendwie wulstig und zwischen ihnen gab es Ganger über Ganger – ich meine, unzählige Spinnenweben.
Die Dame erklärte mir stolz, dass sie etwas für die Umwelt tun würde, indem sie Fliegen keine Chance gäbe.
Die Spinnenweben wären natürliche Fliegenfallen. Kopfschütteln machte ich mich fluchtartig davon.

Heute Morgen entdeckte ich an den Wänden und der Zimmerdecke Massen von Fruchtfliegen. Außer Bananen hatte ich nichts im Obstkorb. Wie kamen die lieben Fliegen in meine Wohnung?
Nach angestrengtem Überlegen, baute ich eine Fruchtfliegenfalle.
Aber Tierschützer brauchen keine Angst zu haben, dass ich den Fliegen etwas tun werde. Die Fliegen werden nur gesammelt.
Wenn nichts mehr fressbares in der Wohnung ist, setze ich sie an einem Ort mit reichlichem Nahrungsangebot  in Freiheit. Die Fliegen finden bis dahin in der Falle angemessene Nahrung vor.

Ich werde sie wohlgenährt und gestärkt, für den Kampf ums Überleben, der Natur zurückgeben.

KM 08062019
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Mein lieber Freund und Kupferstecher ...

Vatis Spruch
Mein lieber Freund und Kupferstecher, sagte mein Vater immer, wenn ich etwas „ausgefressen“ hatte. Was das bedeutete, erklärte er mir, soweit ich mich erinnern kann, nicht.

Jahre später, als ich mich für Kulturgeschichte interessierte und begeisterte und kulturgeschichtliche Romane las und sammelte, erinnerte ich mich öfters an seine Worte. Im Rahmen des Buchdruckes las ich auch immer wieder den Begriff „Tiefdruck“! Mein Vater hatte auch davon gesprochen.

Als ich meine „Laufbahn“ als Hobbyjournalist begann, bekam ich jahrelang Einladungen für Ausstellungen im „Neuen Augusteum“ von der Kustodie der Universität Leipzig.
Und eines Tages war da auch eine Einladung für die Ausstellung: „Mein lieber Freund und Kupferstecher“ dabei. Ich besuchte natürlich diese Ausstellung. Und nun erfuhr ich endlich was dieser Spruch eigentlich bedeutete! Und ich konnte mein Wissen über DRUCKEN ergänzen.

In einem kulturgeschichtlichen Roman hatte ich schon von dem Übergang vom handschriftlichen Kopieren der Buchseiten zum Buchdruck gelesen und sah nun meine vielen Bücher mit ganz anderem Blick.
Wenn ich ein neues Buch in die Hand nehme, denke ich an meinen vor siebzig Jahren verstorbenen Vater, der viele Jahre Direktor eines großen international bekannten deutschen Verlages gewesen ist.

KM 2019
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 Autorengruppe „by chance“ – zufällig

 Wie es begann.

 Ein Bekannter erzählte mir Ende des Jahres 2012, dass er ein Vereinsquartier, eine ehemalige Gaststätte zur Nutzung übernommen hatte. Da ein anderer Verein Räumlichkeiten suchte, gab ich die Adresse weiter. Dabei kam ich auf die Idee, dass die bekannte Leipziger Autorengruppe „Provokant“ deren Mitglied ich war, den Raum nutzen könne. Ich gab meine Idee an den Chef der Autorengruppe weiter. Im Februar 2013 besichtigten wir zusammen den Raum. Dabei baute ich meine Idee aus und kam zu dem Schluss, dass auch andere Gruppen und Vereine Nutzer sein konnten. Der Raum fasste mindestens 30 Personen und konnte noch durch Öffnen der hohen Zwischentüren erweitert werden. Da die Autorengruppe „Provokant“ nur zweimal im Jahr Lesungen veranstaltete und ich seit 2004 einmal im Jahr eine eigene Lesung bei Senioren durchführte, hatte ich eine neue Idee:

Die Gründung einer eigenen Autorengruppe. Mit monatlichen Lesungen!

Der Chef von „Provokant“ machte mit und ein Mitglied der Gruppe „Die Textlosen“ ebenso. Wir gaben uns einen Namen und im April war die Autorengruppe „by chance“ geboren. Das Konzept war einfach. Zwei bis drei „Stammmitglieder“ und wer von den Gästen wollte bzw. sich traute, konnte ebenfalls Vorlesen.

Nach Überwindung einer ganzen Menge Schwierigkeiten fand am 24. Mai 2013 die erste Lesung statt. Da ich an allen Tagen die Veranstaltungen der Leipziger Buchmesse besucht hatte, war die Formulierung eines Werbetextes nicht schwer.

Der Erfolg beflügelte uns. Deshalb luden wir schon am Ende der ersten Lesung zum neuen Termin ein.

Mein Konzept ging auf. Die "Leser" wechselten. Manche nahmen nur einmal Teil, andere mehrmals. Besonders freuten wir uns, als ein 12-jähriges Mädchen, unterstützt von ihrer Mutter, eigene Geschichten vorlas. Ich hatte sie auf Vorschlag von "Lesetante" Netti beim Stadtteilfest in Paunsdorf angesprochen und gewinnen können. "Zur Probe" las sie bei der letzten Lesung der Lesebühne bei 'Hugendubel'. Da las allerdings noch Netti ihre Geschichten. Bei uns las sie selbst.

 Am 21. November wurde die vierte Lesung durchgeführt. Nicht im Quartiersladen, sondern zum ersten Mal an einem bekannten Leipziger Lese Ort. In der DAA – Medienwerkstatt in Leipzig, Torgauer Platz. Diese vierte Lesung war gleichzeitig die letzte Lesung der Gruppe im laufenden Jahr. Es hatte sich gezeigt, dass monatliche Lesungen nicht durchführbar sind.

Die Mitglieder der Autorengruppe „Provokant“ wechselten und ebenfalls die der Autorengruppe „by chance“.

Mit wechselndem Erfolg lebte die Autorengruppe „by chance“ weiter. Wir waren nur noch zwei „feste“ Mitglieder. Dann verschwand eines Tages mein Mitstreiter und ich musste im Kreis von über fünfzig Gästen allein Lesen. Mitzumachen traute sich keiner der Gäste zu. Aber nach der Lesung stellte ich mich den vielen Fragen.

Es gelang mir nicht, neue Mitstreiter zu interessieren. Las bei Senioren, spontan in Gaststätten, im Urlaub im Hotel, bei irgendwelchen Veranstaltungen. Immer.

Mehrmals hatte ich versucht in Altersheimen zu lesen. Die Träger der Heime hatten kein Interesse.

Meine letzte offizielle Lesung fand im September 2017 bei Senioren statt.

Seit 2001 schreibe ich Kurzgeschichten und habe, wenn ich unterwegs bin immer welche in der Aktentasche. Man weis ja nie ...

 

KM 2019

 

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Papiermüll
Ich frage mich oft, ob die großen Versandhäuser schon im Computerzeitalter angekommen sind! Da werden tonnenweise Hochglanzkataloge versendet, als ob die Regenwälder die gesamte Erdoberfläche lückenlos bedecken!
Wenn ich etwas bestellen will, sehe ich mir die Erzeugnisse auf den Internetseiten der Versandhäuser an.

Nach dem vorletzten eingegangenen Paket eines Versandhauses, habe ich es auf die Personen-Waage gewuchtet, um das Gewicht festzustellen. Danach habe ich es, als Rücksendung zur Post gebracht und diese Sendung, mit dem Hinweis, dass ich einen Computer habe und deshalb keine Kataloge mehr annehme, versendet.
Das Versandhaus muss wahrscheinlich Analphabeten beschäftigen, denn nach einem halben Jahr traf der nächste Pack Kataloge ein. Ein Kind aus dem Haus freute sich, als ich ihm den Packen schenkte.

Ich bekam dann doch Post. Das Versandhaus behauptete, nur gerecyceltes Papier zu verwenden, um die Regenwälder zu schonen. Und wieder fragte ich mich, was da für Leute beschäftigt werden. Dieses Papier ist zwar aufbereitet, aber stammt doch ursprünglich von Bäumen.

Ein anderes Versandhaus stürzte mich regelrecht in ein Abenteuererlebnis.
Zuerst kam ein Katalog. Als ich die Folie entfernen wollte, wurde ich fast ohnmächtig. Es stank entsetzlich! Ich entsorgte das Paket. Bestellte dann aber per Internet Oberhemden. Leibwäsche soll man vor dem Anziehen WASCHEN! Vorsichtshalber zog ich Gummihandschuhe an, als ich die Hemden waschen wollte. Da es nicht so viele waren, nutzte ich die große Waschschüssel. Bevor ich das Paket ganz öffnete, verfluchte ich den Tag vor 50 Jahren, an dem ich die Gasmaske, ein Relikt des Krieges, entsorgt hatte! Als die Hemden lange genug im Wasser gelegen hatten, fand ich sie zuerst nicht in der farbigen Lauge. Nach einem Dutzend Wasserwechseln, konnte ich sie endlich Waschen.

Nun stellt sich mir die Frage, was mache ich, wenn ich mir einen neuen Anzug kaufe. Sollte ich den auch erst einmal Waschen, bevor ich ihn bezahle?


Kurt Meran 23.01.2019
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KeramikMarkt im GRASSI vom 12.06.2021 10:00 Uhr bis 13.06.2021 18:00 Uhr

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