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Tante Ernas Geburtstag
Tante Erna hat Geburtstag. Der sechszigste Geburtstag. Was schenkt man einer ollen Tante, die alles hat? Jedes Jahr das gleiche Theater. Um die Hirne meiner Verwandten und Bekannten nicht zu überfordern, lasse ich mir entweder Mäuse oder gar nichts schenken. Besser als „echtsilberne“ Krawattennadeln, Ringelsöckchen oder Cognac. Cognac der keiner ist, sondern einmal neben einem echten gestanden hat.
Nachdem ich mir ewig den Kopf zerbrochen hatte, fasste ich mir ein Herz und fragte meine Tante: „Tante Erni, was wünschst Du Dir zu Deinem Geburtstag?“ Sie sah mich über ihre Brille schmulend erstaunt an. Nach einer Weile sagte sie bestimmt: „Nichts mein Kleiner!“ „Kleiner“ befand ich als ausgesprochen bösartig. Trotzdem ließ ich nicht locker. „Nun sag schon, Du wirst doch irgendeinen Wunsch haben. Vielleicht  neue Kuchenteller. Deine Klatschtanten gucken schon immer so komisch, wenn Du mit ihnen am Kaffeetisch sitzt.“ Klatschtanten hätte ich wohl besser nicht sagen sollen. Tante Erna schmollte. Dann platzte sie heraus: „Weist Du Kleiner, wenn Du mir wirklich etwas schenken willst, dann eine riesengroße Geburtstagstorte. Da kann ich mit meinen Freundinnen mal so richtig schlemmen! Außer ihnen kommt mich ja sowieso niemand besuchen.“ Ich war baff! „Eine Torte?“ „Ja eine Torte. Schön fettig und süß muss sie sein. Richtig lecker!“ Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Erna hatte doch Zucker! Sie durfte gar keine Torte essen. Aber wenn sie unbedingt wollte?
Im Supermarkt wollte ich sie nicht kaufen. Das Zeug war tiefgekühlt, brauchte ewig zum Auftauen und schmeckte dann irgendwie komisch. Beim letzten Geburtstag meiner Schwester hatten wir halbaufgetauten Pflaumenkuchen zu lau schmeckenden Kaffee bekommen. Furchtbar. Beim Kuchenessen hatten sich die Kuchengabeln verbogen. Ich kaufte eine Riesentorte beim Konditor, wie sich das gehörte. Spezialanfertigung. Der Meister hatte zwar vor sich hin gegrunzt, als ich meine Wünsche bei der Bestellung äußerte, aber die Torte war noch besser gelungen, als ich gedacht hatte. Und ich hatte Tante Erna versprochen, den Kaffee selbst zu kochen.

Am Geburtstagsnachmittag, die Klatschtanten hatten sich vollzählig versammelt, servierte ich die Torte. Alles starrte auf die Torte. Tante Erni kamen die Tränen. Sie stand schwerfällig auf und umarmte mich. In der Mitte, mit unzähligen Sahnekringeln dekoriert, prangte ein Bild Ernas mit ihrer Katze auf dem Schoß. Dann schenkte ich den Kaffee ein. Ein allgemeines Aufstöhnen folgte dem ersten Schluck. „Kleiner, was ist das für Kaffee?“ „Eine Spezialanfertigung extra für Dich Tante. Das Rezept ist mein Geheimnis.“ Die Freundinnen stürzten sich auf die Köstlichkeiten.

Am nächsten Tag rief Tante Erna an: „Jungchen, meine Freundinnen meinen, dass war der schönste Geburtstag. Sie wollen auch so feiern. Alle wollen solche Torten haben und Du musst den Kaffee kochen!“

Gott schütz, das habe ich nicht verdient!

Kurt Meran von Meranien 04.12.2010

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