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- Der L-Schönefelder Almanach wünscht allen Usern und speziell den Freunden der Seite einen traumhaften zweiten Adventssonntag -

Schneemannpärchen küsst sichSchneemannpärchen küsst sich

Lehrlinge

Deutsche Reichbahn 1965 Ein Endstellwerk - größerer Bahnhof in Sachsen -

planmäßig zur Ausbildung von Lehrlingen des Betriebs- und Verkehrsdienstes genutzt

In der Eisenbahnerzeitschrift „Fahrt frei“ las ich 1965, dass der Facharbeiterausbildungsbereich Betrieb und Verkehr des Amtsbezirkes, seinen Plan mit mehr als hundert Prozent erfüllt hatte. Über diese Meldung wunderte ich mich und sprach bei Gelegenheit mit dem Lehrobermeister. Ich wusste genau, dass von den einhundertundelf ausgebildeten Lehrlingen nur elf bei der Bahn geblieben waren. Wieso waren die dann über hundert Prozent? Der Obermeister, natürlich ein verdienter Genosse, war über meine Frage erstaunt. Es dauerte eine Weile bis er antwortete. Für diese Verzögerung gab es Gründe. Ich war nicht in der SED und ich war gar kein bestallter Lehrfacharbeiter! Voraussetzung für die verantwortungsvolle Tätigkeit als Lehrfacharbeiter war, dass sich der Eisenbahner gesellschaftlich bewährt hatte! Dass er ein sozialistisch erzogener Mensch war, der fest an der Seite der Arbeiterklasse stand, bzw. dieser angehörte.

Ich konnte nichts dergleichen vorweisen. Zuerst fiel das Wörtchen „von“ unangenehm auf. Dann war ich kein Pionier gewesen, hatte nicht an der Jugendweihe teilgenommen und war weder durch die „Schule“ der FDJ gegangen noch Parteimitglied geworden. Ich war in der Partei, aber nicht in der SED, sondern in der LDPD. Zuerst hatten die leitenden Genossen gedacht, ich wäre Ihresgleichen. In Zivil trug ich selbstverständlich das Parteiabzeichen der LDPD. Wahrscheinlich, so vermutete ich, kannten die Genossen das Aussehen ihres eigenen Parteiabzeichens nicht so genau. Sonst wäre es ja nicht zur Verwechslung gekommen.

Schließlich bekam ich eine Antwort, die mich nicht befriedigte, aber „einleuchtend“ war. „Sie müssen anders an die Sache herangehen. Ursprünglich wollten nur neun Jugendliche Eisenbahner werden. Nun haben sich aber elf Facharbeiter entschlossen, bei der Bahn zu bleiben. Ist das nicht  toll?“ Dieser Rechnerei und den „über“ hundert Prozent, hatte ich nichts entgegenzusetzen.
Auf das Lehrstellwerk war ich gekommen, da dort Leute gebraucht wurden. Ich war auf der Betriebsakademie gewesen. Hatte alle Prüfungen mit GLANZ bestanden. Der Weg war frei, mehr als Unterassistent zu werden.
Das Stellwerk war ein ganz normales Wärterendstellwerk der Bauform „Jüdel“. Allerdings das schönste und übersichtlichste Stellwerk im Amtsbezirk. Gut gepflegt. Die Weichen-, Signal- und Fahrstraßenhebel  glänzten genauso, wie der Linoleumfußboden und das ganze Gebäude. Mit elf Weichen und fünf Hauptsignalen konnten dreizehn Fahrstraßen hergestellt werden.
Die Schulleitung kümmerte sich bei  Dienstplangestaltungen der Lehrlinge nicht darum wer Dienst hatte. Anfangs staunte ich darüber, dass Lehrlinge die Schichten tauschten, um bei mir mitlaufen zu können. Ich war zwar nicht besonders begeistert, wenn Lehrlinge auftauchten, nahm mich aber ihrer an.

Wenn man nur zusieht, dann lernt man kaum etwas. Deshalb durften die Lehrlinge unter bestimmten Voraussetzungen auch mitarbeiten. Zuerst musste ich herausfinden, welchen Stoff sie in der Schule gerade behandelten. Es nutzte ihnen nichts, wenn Eisenbahn Betriebs- und Verkehrsdienst-Lehrlinge im Unterricht mit dem Fahrkartenwesen oder dem Güterverkehrsdienst beschäftigt waren, und auf dem Stellwerk Weichen umstellten. Da es zu wenig Ausbildungsposten gab, wurden die Lehrlinge nach „Nase“ und nicht nach Unterrichtsthemen  verteilt. Ich hatte im Reise – und Güterverkehrsdienst gearbeitet und konnte ihnen in Theorie und Praxis helfen und praktische Aufgaben stellen. Wurde in der Schule der Stellwerksdienst behandelt, musste sie eine kleine Prüfung bei mir bestehen und konnten dann zugreifen.  Mussten aber immer ansagen, was sie beim Einstellen einer Fahrstraße zu beachten hatten (Fahrwegprüfung) und welche Hebel umzustellen waren. Logischerweise kannte ich die Fahrstraßeneinstellungen und die Rangiermöglichkeiten aus dem Kopf und kenne sie auch heute, nach 50 Jahren, noch.
Um praktisch vorführen zu können, was passiert, wenn zum Beispiel ein Ausfahrsignal vorzeitig in Haltstellung gebracht wird, verständigte ich mich mit dem Fahrdienstleiter. Auf dem Befehlsstellwerk gab es Signalwiederholer und der FdL hätte sich nicht nur gewundert, wenn, während der ausfahrende Zug noch durch meinen Bezirk rollte, das Signal HALT zeigte.
Ich fragte nach und erfuhr, dass die anderen Stellwerksmeister, alle waren bestallte Lehrfacharbeiter, die Lehrlinge zur Kenntnis nahmen, sich aber kaum um sie kümmerten.
Da die „bestallten“ Lehrfacharbeiter mehr Lohn bekamen, lehnte ich schließlich die Lehrlinge ab und schickte sie sogar weg. Nein, nicht nachhause, sondern in die Schule. Das brachte Schwierigkeiten, die ich ganz schnell abstellen konnte. Im jeweiligen Dienstbuch der Lehrlinge trug ich ein, was mir der Lehrmeister einmal vorgeworfen hatte: „Ich bin kein Mitglied der SED und darf lt. Aussage des Lehrmeisters keine Lehrlinge ausbilden!“ Das bekamen auch die Bahnhofsleitung, die Berufsschule, der Kreisvorstand der LDPD und der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung schriftlich. Während des nun einsetzenden Gesprächsmarathon, fragte ich bei einer harten Auseinandersetzung erst einen Mitarbeiter der SED-Leitung und dann einen des LDPD-Kreisvorstandes, was besser wäre: „Schicke ich die Sache dem Bezirksblatt der LDPD oder dem Organ der SED?“ Umgehend glätteten sich die Wogen und ich wurde „bestallt“!  

Als ich Jahre später Bahnhofsvorsteher war, arbeitete ich für Lehrlinge, die mir die Betriebsberufsschule aufs Auge drückte spezielle Aufgaben aus. Aufgaben, die meine Beschäftigten  in der betrieblichen Weiterbildung auch zu lösen hatten.
Zum Beispiel folgende Aufgabe für die Fahrkartenausgabe:
Familie Vogler aus C. möchte in den Urlaub nach Beeskow fahren. Zur Familie gehören: Volker Vogler (Vater), Vanessa Vogler (Mutter), die 15-jährige Tochter Vera, der 9-jährige Sohn Walther, das 3-jährige Nesthäkchen Heike. Dazu der Schäferhund Wau, die Tigerkatze Mau, das Meerschweinchen Quick und der Kanarienvogel Piep. Die Familie will während der Schulferien, vom 12. Juli bis zum 26 Juli nach Beeskow fahren. Walther bleibt bei den Großeltern in Ferenneuendorf. Die Großeltern holen ihn von der Bahn ab. Auf der Rückfahrt nimmt die Familie Walther mit nach Hause.

Aufgabe: Fertigen Sie die entsprechenden Fahrausweise/Fahrkarten von C. nach Beeskow und zurück für die einzelnen Familienmitglieder aus. Außerdem erstellen Sie die Vorschläge für Zugverbindungen am 12. und 26. Juli.

Normalerweise fuhr man von C. nach Beeskow über Berlin-Ostbahnhof. Da aber Sohnemann zu den Großeltern sollte, musste man zwischen Jüterbog und Königs-Wusterhausen die Verbindungsbahn benutzen.
In den Fahrkartenausgaben der großen Bahnhöfe wurden die Edisonschen-Fahrkarten, die sogenannten „Pappen“ ausgedruckt. Verbindungen die nicht gedruckt werden konnten, weil keine Druckmatritzen vorlagen, wurden per Hand auf Fahrkartenvordrucken ausgeschrieben. Um meine Aufgabe zu überprüfen, ging ich in Zivilkleidung zu einem der größeren Bahnhöfe und verlangte die Fahrkarten. Auf dem eigenen Bahnhof konnte ich das ja nicht machen, da ich dabei die „Karte“ verraten hätte.
Die Fahrkartenverkäufer mussten nicht nur die Fahrkarten ausfertigen, sondern auch nachsehen, welcher Bahnhof für den Ort Ferenneuendorf am günstigsten zu erreichen war. Die normalen Fahrkartenausgaben streikten und schickten mich zum Schalter für handgeschriebene Fahrkarten. Die streikten auch und schickten mich zum Lehrschalter. Der Lehrling war vollkommen hilflos und die Lehrfacharbeiterin ebenfalls. Der Gruppenleiter wurde geholt. Dann kam der Abteilungsleiter. Der Schalter wurde geschlossen und nach etwa einer Stunde hätte ich die Fahrkarten und Fahrpläne bekommen können, wenn mir nicht  „eingefallen“ wäre, dass ich mich erstens im Datum geirrt und zweitens gar nicht so viel Geld dabei hatte.

Die Sache hatte zwei positive und ein negatives Nachspiel. Negativ war, dass die Lehrlinge in der Schule darüber sprachen und der Vorsteher des großen Bahnhofs natürlich erfuhr, wer an dem Schalter die Fahrkarten verlangt hatte. In allen Fahrkartenausgaben des Dienstortes hing nun meine Personenbeschreibung, incl. Tätigkeit und Dienstrang. Positiv war erstens, dass sich nun ihrerseits meine Lehrfacharbeiter, nachdem sie sich von ihrem Entsetzen über meine Initiativen erholt hatten, für ihre Lehrlinge ähnliche Aufgaben ausdachten und zweitens, dass mich der Amtsvorstand belobigte.

Als Lehrfacharbeiter stellte ich mir selbst ein Bein. Ich begann „meine“ Lehrlinge in Versform zu beurteilen. Die Schule fand das toll. Und alle Lehrfacharbeiter bekamen die Aufgabe, Beurteilungen der Lehrlinge anzufertigen. Natürlich nicht in Versform. Alles war empört und ich schimpfte vorsichtshalber kräftig mit.

Während meiner Zeit, als Lehrfacharbeiter erlebte ich viele verschiedene Einstellungen der Lehrlinge zur Ausbildung. Es gab Lehrlinge die wirklich wissbegierig waren und gut mitarbeiteten. Andere, die zwar froh waren eine Lehrstelle bekommen zu haben, aber absolut kein Interesse an der Bahn, außer an den Freifahrscheinen, hatten. Dann gab es die überheblichen, die sich für gar nichts interessierten und auch nicht zu begeistern waren. Ein Mädchen führte dauernd den Satz im Munde: „Ich brauche das ALLES nicht, meine Mutter ist bei der URANIA, die regelt das!“ Ich fragte bei den anderen Bereichen nach. Die junge Dame hatte weder im Personenverkehr, noch im Güterverkehr Interesse gezeigt und nur ihren Spruch von sich gegeben. Also schrieb ich sie ab. Stand sie mir im Weg, verbannte ich sie hinter die Hebelbank.  Eines Tages sprach mich auf irgendeiner Tagung eine Dame an. Sie hätte gehört, ich wäre Eisenbahner. Sie hätte ein Problem. Die URANIA-Mutter. Ich fragte sie, ob sie sich ihre Stellung bei der URANIA erarbeitet oder sie ihr in den Schoß gefallen wäre. Zwei Tage später war Töchterchen ausgerechnet mein „Gast“. Ich zuckte mich nicht. Sie bekam wie üblich ihre zwei Unterschriften. Ein paar Tage später stand sie mir vor der Hebelbank dauernd im Weg und wollte plötzlich eine Weiche umstellen. Das gab es bei mir nicht! Ich führte die obligatorische Prüfung durch. Dummerweise mussten der Meister der Signal- und Fernmeldemeisterei auftauchen und auch der Schichtleiter. Der Meister kannte meine Methoden. Der Schichtleiter nicht. Er mischte sich ein. Ich stellte ihn vor die Wahl: Entweder er lässt mich machen oder er übernimmt den Dienst! Der Meister schaltete ihn dann aus. Der Schichtleiter kam nie wieder zur Dienstpostenkontrolle. Der Vorsteher war nur ein einziges Mal dagewesen. Die junge Dame hatte plötzlich sehr großes Interesse, klebte mir dauernd an der Pelle und wurde mit der Zeit lästig.

Ich erlebte mit Lehrlingen noch krassere Dinge. Dazu muss ich vorausschicken, dass wir auf unserem Stellwerk eine Art Ruheraum eingerichtet hatten. Die weiblichen Lehrlinge hatten immer einmal das Bedürfnis „zu Ruhen“. Wir allerdings auch. In manchen Nächten war nicht viel zu tun. Es gab zwar eine Holzbank, aber die war für mich zu kurz. Ich brachte deshalb eine Luftmatratze mit, die ich in einem unbelegten Spind aufbewahrte. Im Anfang meiner Eisenbahnerzeit hatte ich auf einem Verkehrsdienstposten öfters in den Nächten das Bedürfnis gehabt mich hinzulegen. Natürlich war ich auch einmal erwischt worden. Dem Vorwurf des Schichtleiters, ich hätte im Dienst geschlafen, entkräftete ich mit der Erklärung, dass ich nicht verbotener Weise geschlafen hätte, sondern nur geruht hatte. Ruhen war nicht verboten. In keiner Vorschrift stand etwas von Ruhen.

Eine sehr hübsche junge Dame im zweiten Lehrjahr beschäftigte sich kaum mit dem praktischen Lehrlingsdienst, sondern mit anderen Dingen. Dazu gehörte auch, dass sie immer dann das Bedürfnis hatte, ihre Fingernägel zu verschönen, wenn ich Frühstückte. Der Geruch des Lackentferners und des Fingernagellacks hatte zur Folge, dass ich nichts Essen konnte. Ihr übriges Benehmen war nicht viel anders. Eines Tages trug ich in ihr Dienstbuch alle Fakten ein, die mir und den anderen Kollegen nicht gefielen. Drei Wochen hatte ich Ruhe und die anderen Stellwerksmeister konnten sich über sie ärgern. Dann erschien sie eines Tages wieder. Beim Bescheinigen ihres Dienstantritts bemerkte ich, dass mein Eintrag im Dienstbuch fehlte. Ich sah mir das Buch genauer an. Es war ein NEUES. Wo ist das andere Buch? Sie antwortete nicht, hatte aber nach einer Stunde das Bedürfnis zu Ruhen. Ich blies die Luftmatratze auf und sie ging in den Ruheraum.
Normalerweise rührten und regten sich die Damen in dem Raum nicht weiter. Ich hörte aber auf einmal ein fortwährendes Rascheln. Was machte die junge Dame? Sie zog sich aus!  Mir blieb die Luft weg, als ich keinen uniformierten Eisenbahnerlehrling, sondern EVA dort stehen sah! Sie drehte sich mehrmals hin und her und sagte in aller Ruhe: „Herr Meran, wenn Sie den Eintrag löschen, oder vergessen, ich sage dann ich hätte das alte Buch verloren, dann dürfen Sie einmal!“ Ich hatte erlebt, was mit älteren Kollegen passierte, wenn sie den Reizungen der jungen Damen nicht widerstanden hatten! Ins Kittchen wollte ich nicht! Ich befahl ihr, sich sofort wieder anzuziehen und verständigte ihre Lehrmeisterin. Die junge Dame zog sich nicht an. Ich setzte sie so wie sie war vor die Tür. Zum Vergnügen von einigen Gleisbauarbeitern, die ihr anboten, mich zu vertreten. Die Lehrmeisterin war mir böse. Ich hätte ihr den Plan durcheinander gebracht. Zwei Jahre später sah ich eines Abends die junge Dame auf dem Hauptbahnhof wieder.  Sie war nicht entlassen worden und arbeitete als Kontrolleurin der Handgepäckaufbewahrungsautomaten. Sie erkannte mich sofort. Na ja, wer erkennt mich nicht. Auf die Uhr sehend meinte sie, sie hätte gleich, um Zweiundzwanziguhr Feierabend. Ob ich schon etwas vorhätte? Ich hatte!

Als ich später an der Eisenbahn-Ing. Schule Betriebsdienst unterrichtete, Vorsitzender der Facharbeiterprüfungskommission und Leiter der Erwachsenenqualifizierung und noch später Hauptgruppenleiter Betrieb im Netzbereich der DB war, konnte ich bei Prüfungen und ähnlichem auf meine Erfahrungen aufbauen. Meine Unterrichtsmethoden und die Prüfungen passten zwar nicht in das gebotene Konzept,  wurden aber Legende.

Vor längerer Zeit saß ich in einer renommierten Gaststätte allein an einem Tisch. Andere hatten da auch am Tisch gesessen, waren aber inzwischen gegangen.  Am Nebentisch hatten ein paar Leute platzgenommen. Sie unterhielten sich angeregt. Lauschend stellte ich fest, dass mir die Themen und teilweise auch die Begebenheiten bekannt waren. Ich hatte sie allerdings anders im Gedächtnis. Und dann erkannte ich ein paar der Leute. Ich musste einmal hinaus und kam auch unerkannt am Tisch vorbei. Wiederkommend gelang mir das nicht.  Ich musste mich an den Tisch setzen! Ziemlich laut gaben sie sich Erinnerungen hin. Der ganze Raum hörte grinsend mit. Ich atmete auf, als ich erfuhr, dass sie nur ein paar Tage hier waren.
 
Solche Themen wie: „Erinnerst Du Dich noch an den Polterabend in L.?“ Ich war betrunken nach Hause gekommen und hatte vergessen, dass ich frisch verheiratet war. Die fremde Frau in meinem Bett hatte ich vor die Türe gesetzt. „Hatte die Sache mit dem Güterzug auf Gleis 10 Folgen?“ Da hatte ich aus Versehen einen Zug in die falsche Richtung fahren lassen und hinterher den Lokomotivführer ausgelacht, weil er gefahren war. „Hatte die Wette in E. eigentlich Folgen?“ Ich war 1960 in E. im Harz im Urlaub. Eines Abends wettete ich, dass ich im Schlafanzug tanzen gehen würde. Es war April und hundekalt. Ich hatte, entsprechend der Wette, nur den Schlafanzug, Hausschuhe und auf dem Weg meinen Bademantel an. Den Bademantel gab ich an der Garderobe des besten Lokals ab. Nach zwei Körben hatte ich Glück und die aufgeforderte Dame tanzte mit mir. Die Kapelle schenkte mir ein Solo. Und noch eins. Und ein weiteres. Danach holte ich meinen Bademantel und ging wieder ins Hotel. Ich verirrte mich und fand nicht gleich mein Zimmer. Beim Frühstück am Morgen, bekam ich eine Einladung vom Bürgermeister zu einem Gespräch. Anwesend war dann außer dem Bürgermeister der Sekretär der Kreisleitung der SED. Sie eröffneten ein Parteiverfahren, weil ich mich unsittlich benommen hätte. Das Parteiverfahren sollte im Betrieb abgeschlossen werden. Wurde aber nicht. Es fiel unter den Tisch. Auch die hatten nicht erkannt, dass ich nicht in der SED war. Allerdings durfte ich nicht wieder nach E. Und unsittlich hatte ich mich auch nicht benommen. Ich bezahlte einundzwanzig Jahre die gerichtlich festgesetzten Alimente.

Oder. Oder. Oder … Es war eine lange Nacht der Erinnerungen.

Das Positive an dem Abend bzw. der Nacht war, dass ich nicht mehr verheiratet bin und es die SED nicht mehr gibt! Sonst …


Kurt Meran von Meranien  04.06.2016

*

Reichsbahn-RatReichsbahn-RatDer Vorsteher
Kompetente  Bahnhofsvorstehr waren rar. Es gab kaum Absolventen der Eisenbahningenieurschule (TU Dresden), die Leiter eines kleinen oder mittleren Bahnhofs werden wollten. Viele der Absolventen gingen in die Wirtschaft, wo sie mehr verdienten und weniger Verantwortung hatten. Die Bahnhöfe wurden nach Kategorien und Kriterien (A-E) eingestuft. AA waren die großen Bahnhöfe wie zum Beispiel Leipzig Hauptbahnhof. Der erste Buchstabe stand für Betriebs- und der  zweite Buchstabe für Verkehrsdienst. Es bremste den Enthusiasmus aber nicht nur die Verantwortung und die Gehaltsgruppe, sondern auch bestimmte Verpflichtungen. Außer der betrieblichen Weiterbildung nahmen die Sicherung der Volkswirtschaft und der Schutz der Republik einen wichtigen Platz ein. Die Leiter aller Bahnhöfe mussten die Beschäftigten nicht nur fachlich qualifizieren, sondern auch über die Gefahren die vom Klassenfeind ausgingen belehren, die Beschäftigten zum überzeugten DDR-Bürger erziehen und materiell zum Schutz der Volkwirtschaft beitragen. Die Eisenbahner wurden nicht nur über Abwehrmaßnahmen im Ernstfall unterrichtet, sondern je nach Einstufung der Bahnhöfe erfolgten außer den Erziehungsmaßnahmen der Auf- und Ausbau der Kampfgruppen. Bahnhöfe ab der Klasse C aufwärts mussten kampfstarke Kampfgruppen aufstellen. Viele Bahnhofvorsteher verzichteten auf die Einstufung in einer höheren Rangklasse, um sich die Kampfgruppe zu ersparen.  Vor allem die Bahnhöfe, die nur wenige Mitarbeiter im Rangierdienst hatten, verzichteten.

Als ich den Bahnhof Sd. übernahm, gelang es mir nach tiefgründigen Analysen eine Höhereinstufung im Prämiensystem für meine Beschäftigten zu erreichen. Es mangelte an qualifiziertem Personal im Rangierdienst, weil zwei große Bahnhöfe in unmittelbarer Nähe, mehr zahlen konnten. Mit abgeordneten Beschäftigten hatte ich schlechte Erfahrungen gemacht. Der einzige qualifizierte Rangierleiter war noch unter meinem Vorgänger zu einem größeren Bahnhof abgewandert. Ich wollte ihn aber auch nicht zurückholen, da er ständig unter „Strom“ gestanden hatte. Mein Vorgänger hatte gemeint, dass ein betrunkener Rangierleiter besser wäre, als gar kein Rangierleiter.  Dieser Mann wurde dann später beim Rangieren von einer Rangierlokomotive getötet, da er auf der falschen Rangierseite gestanden und zwischen fahrender Lokomotive und Wagenabteilung zerquetscht wurde.  

Schon unter der Leitung des Reichsbahnamtes hatte ein benachbarter großer Güterbahnhof einen Rangierleiter  abgeordnet, der mir als unwissender Blödmann auffiel. Nach einer krassen Unregelmäßigkeit und einer Gefahrensituation rief ich die Personalleitung des abordnenden Bahnhofs an und bat um Zusendung der Kaderunterlagen. Der Sachbearbeiter meinte, dass es einen Rangierleiter mit diesem Namen auf seinem Bahnhof nicht geben würde.  Es gäbe einen Rangierarbeiter dieses Namens, der nach Sd. vor einem Jahr auf Weisung des Reichsbahnamtes abgeordnet worden wäre. Ich war entsetzt! Der Rangierleiter  musste auch Zugfertigstellerdienste ausüben und die Bremsprobe der behandelten und gebildeten Züge durchführen. Da der abgeordnete Beschäftigte gar kein Rangierleiter und damit auch nicht bremsprobeberechtigt war, hatte der Bahnhof  ein Jahr lang durchweg Zuggefährdungen, das sind „Fastunfälle“, die als Bahnbetriebsunfälle gewertet wurden, fabriziert. Ich beendete sofort die Abordnung und bat um einen anderen Beschäftigten, der mir nicht gewährt wurde ...

Fortsetzung folgt

KM

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