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LSoA

Daggi's Tagebuch - aufgeschrieben von Kurt Meran von Meranien

Einen wunderschönen guten Tag!
Mein Name ist Dagoperth Mohlin. Meine ganze Verwandtschaft, Freunde und Bekannte, nennen mich zu meinem Ärger „Daggi“!
Daggi ist für mich ein Mädchenname. Ich bin aber ein ganz normaler Mann. 159 cm groß, 140 Kg leicht und 43 Jahre jung.
Wenn ich im Blousonanzug daherkomme und die Jacke zugeknöpft habe, sehe ich aus wie ein Pfannkuchen mit Streichhölzern.
Ich erzähle Euch in loser Reihenfolge, was mir so tagtäglich passiert.

Nennen wir es einfach Daggi’s Tagebuch.

Vorgestellt habe ich mich schon. Jetzt stelle ich meine Familie vor. Ich bin glücklich verheiratet, und habe zwei Töchter, meiner geliebten Gattin wie aus dem Gesicht geschnitten. Auch fast so groß wie sie. Ich liebe große Frauen! Wenn ich etwas schlanker wäre, würde ich bei Regenwetter unter ihrem Vorbau im Trockenen stehen. Wenn wir spazieren gehen, Mutti und ich vorn, die Kinder hinter uns, sagt Jana, die Ältere immer: „Papi (wer sagt heute noch Papi?), wenn Du neben unserer Mutsch hergehst, sieht es aus als wenn Du rollst!“ Caro die Jüngere fragt dann scheinheilig: „ Papi, warum nimmst Du nicht ab?“
Ich denke nicht daran! So sieht man mich wenigstens. Was wäre wenn der Bauch weg wäre? Und wohin sollte mein geliebtes böhmisches Schwarzbier?

Also Tagebuch.
Wieso schreibt ein Mann ein Tagebuch, werde ich immer gefragt. Das ist ganz einfach. Ich begann eines Tages aufzuschreiben, wofür ich mein Geld ausgegeben hatte. Bei manchen Positionen machte ich eine Notiz, um später einmal nachvollziehen zu können, wieso ich nie Geld hatte. Und aus diesen Notizen wurde dann zwangsläufig ein Tagebuch.

Ich beginne spaßeshalber bei meiner Geburt und mache dann einen großen Sprung in die Gegenwart.
Ich wurde am 01. Oktober 1965 um 13,15 Uhr geboren. Wenn jemand zur Identifikation nach meinem Geburtsdatum fragt, sage ich das so auf, und ernte bei Frauen immer Gelächter und die Frage: „ Woher wissen sie das denn?“ Blöde Frage. Ich sage dann: „Ich muss es doch wissen, schließlich war ich ja dabei!“

So jetzt geht es los!
Am 01.08. war Gartenbegehung durch den Vorstand. Ich habe einen kleinen Garten in einem Gartenverein. Jedes Jahr warte ich mit Spannung darauf, was dem Vorstand an meinem Garten nicht gefällt. Da der Termin immer Anfang August liegt, beende ich Anfang Juli meine Gartenarbeiten. Ich warte sehnsüchtig auf die Kontrolle. Danach weis ich ganz genau, was ich zu machen habe. Dieses Jahr stand im Protokoll: fehlende Unkrautbekämpfung. Ich bekämpfte anschließend wie verrückt. Nach 3 Tagen war mein Garten unkrautfrei! Als die Nachkontrolle heranrückte, wechselten sich Regen und Sonne gleichmäßig ab. Drei Tage lang regnete es dann durch. Am Tag der Kontrolle war herrliches Wetter, und mein Unkraut wiederbelebt und unübersehbar. Der Vorstand rügte mich: „Wann wollen Sie eigentlich einmal das Unkraut, und vor allem das viele Gras wegmachen?“ Ich sagte: „Ich kämpfe wie verrückt gegen das Unkraut. Schließlich kann ich aber nicht daneben stehen bleiben um zu zuschlagen wenn es rausguckt!“ „Machen Sie wenigstens das Gras weg.“ „Mache ich doch dauernd, aber es wächst immer nach.“
Die Protokollchefin sagte daraufhin: „ Wenn Sie dem Gras nicht Herr werden, dann legen sie doch einen Rasen an.“ Nun frage ich mich ernsthaft, ob es Rasen ohne Gras gibt!

Dagoperth
*
Frauen haben immer RECHT
Gestern kam Heidi auf die blendende Idee, einen Bummel im Park zu machen. „Der Spaziergang wird dir gut tun“, sagte sie. Dabei musterte sie mich von oben bis unten und ergänzte: „Du könntest ruhig ein bisschen abnehmen.“ Ich schüttelte innerlich meinen Kopf, sagte aber nichts. Vorgestern kam sie fast nackt aus dem Bad. Ohne ihre Bandagen, Korsett oder Korselett, der Teufel weiß wie das Zeug heißt. Da konnte ich so richtig sehen, wie sich ihre Figur entwickelt hatte. Und natürlich fragte sie: „Daggi bin ich zu dick?“ Was sollte ich antworten? Sage ich ja, gibt’s Krach! Sage ich nein, gibt’s auch Krach. Einmal hatte ich geantwortet: „Aber nein mein Schatz.“ Sie ging beglückt zu ihrer besten Freundin und kam verschnupft nach Hause. Knurrend erklärte sie: „Du bist zu nichts zu gebrauchen. Aber das du mich auch noch beschwindeln musst…“ Sie hatte die ominöse Frage natürlich ihrer Freundin gestellt. Freundinnen dürfen ehrlich antworten. Auch wenn die Antwort negativ ausfällt. Ich sagte deshalb sehr diplomatisch, wie ich mir einbildete: „Steig auf die Waage. Stell aber vorher auf deinen Namen. Da habe ich Alter und Größe gespeichert.“ Heidi stutzte und fragte: „Und was bedeutet das?“ „Die Waage errechnet das Idealgewicht, den Wasseranteil, die Knochenmasse und den Fettanteil in Prozenten!“ Das mit dem Fettanteil hätte ich besser nicht sagen sollen! Heidi stürzte sofort ans Telefon und führte ein Ringgespräch mit allen ihren Freundinnen. Dann tat sie den ganzen Tag den Mund nicht mehr auf. Wenn Heidi schmollt oder den ganzen Tag meckert, dann ist das fast nicht zum Aushalten. Aber einen ganzen Tag kein Wort, das ist das Entsetzlichste was man erleben kann. Dazu kamen noch die blöden Fragen von Jana, Cora und Janas Freund.
Wir „bummelten“ durch den Park. Als wir losgegangen waren, hatte es angefangen zu regnen. Heidis für den Bummel Zurechtmachen hatte eine geschlagene Stunde gebraucht. Als sie den Spaziergang vorschlug, schien noch die Sonne. Sonst hätte ich mich nicht breitschlagen lassen. Es regnete immer mehr. Ich gehe nicht gern bei Nässe spazieren, da ich nie einen Regenschirm benutze. Heidi hatte ihren Knirps aufgespannt und lachte mich aus. „Regen tut dir gut. Du wirkst dann schlanker.“ Um mir solchen Blödsinn nicht mehr anhören zu müssen, beschleunigte ich meine Schritte. „Renn nicht so. Wenn du stolperst und fällst, rollst du bestimmt ins Gebüsch.“ Ich sagte nichts, denn ich hatte ein andres Problem. Immer wenn ich meinen rechten Fuß aufsetzte, gaben meine Schuhe einen komischen Laut von sich. Es quietschte oder quatschte. Was war das? Ich blieb an einer Bank stehen und holte eine Plastetüte aus meiner Jackentasche. Habe ich immer beim Spazierengehen einstecken. Legte die Tüte auf die Bank. Setzte mich und kontrollierte meine Schuhe. Es war nichts zu sehen. Sie waren glatt, blank und ganz. Warum dann diese Geräusche? Heidi war einfach weitergegangen. Meine Probleme, egal welche, interessierten sie nie. Solange ich sie nicht direkt ansprach und um Hilfe bat, reagierte sie nicht. Zu Hause hatte ich dann meine Schuhe wie üblich auf den Schuhabtropfer gestellt. Als ich sie putzen wollte, stellte ich zu meiner Verblüffung fest, dass der rechte Schuh im Absatz ein Riesenloch hatte. Der untere Teil des Luftpolsters, oder das Polster selbst, hatte sich gelöst und verkrümelt. Deshalb die komischen Geräusche und mein nasser Fuß.
Eines Morgens hatte ich mehrere Überraschungen erlebt. Heidi hatte mich geweckt und war zu mir unter die Bettdecke gekommen. Wir schliefen seit Jahren getrennt. Dass sie ohne Anforderung in mein Bett kam, war mir noch nie vorgekommen. Als ich später ins Bad wollte, war dies besetzt. Das war mir vollkommen rätselhaft. Wie ich schon erzählt hatte, bewohnten wir ja zwei Wohneinheiten. Heidi und Jana die größere. Cora und ich die kleinere. Cora schlief noch. Wer war da in meinem Bad? Ich ging durch die Verbindungstür in die andre Wohnung. Dieses Bad war auch besetzt. Heidi war in der Küche. Also musste Jana im Bad sein. Wer war in meinem Bad? Ich ging zurück und klopfte. Nichts! Also holte ich Werkzeug. Als Cora und ich in die zweite Wohnung zogen, war immer einmal die Tür blockiert, da Cora manchmal den Riegel vorschob und nicht mehr zurückbekam. Ich musste dann die selbstgefangene Cora befreien. Die Tür ging auf und ich erstarrte! Im Bad war ein fremder junger Mann! Im sofort angestellten Verhör kam heraus, dass es Janas Freund war. Am Abend tagte dann der Familienrat. Ich verbat mir die Blockierung meines Bades. Cora fiel mir in den Rücken und sagte frech: „ Papi, das ist nicht dein Bad. Das ist unser Bad. Du kannst nicht allein darüber bestimmen!“ Heidi und Jana grinsten. „Bis jetzt war das Bad früh immer frei. Ich muss schließlich zeitig zur Arbeit. Und deshalb muss ich morgens freien Zugang haben!“ „Du kannst ja früher aufstehen!“ Ich sagte nichts mehr. Der Familienrat beschloss, dass jedes Familienmitglied das Bad benutzen konnte, welches gerade frei war. „Fremde gehören nicht zur Familie!“ Es wurde einfach umformuliert: „Jeder Anwesende …!“
Bei einem Streit hatte ich zu Heidi gesagt: „Wieso hat Jana schon einen Bettgenossen. Ist das nicht ein bisschen zeitig?“ Heidi hatte schnippisch geantwortet: „Sie ist ihres Vaters Tochter. Hast du nicht auch sehr zeitig angefangen?“ Diesem Argument hatte ich nichts entgegen zu setzen.
Die sogenannte Familie konnte mich mal gerne haben. Ich reagierte auf diese Frechheiten und richtete mein Exil ein! Als wir noch zu dritt waren und Jana nicht zum aushalten schrie, hatte ich mir unsere Bodenkammer ausgebaut. Polsterbett, Tisch, Heizkörper, Bücherregal, Waschbecken, Wasserleitung, Nachttopf, Licht. Mehr brauchte ich nicht. War lange nicht benutzt. Ich entfernte den Staub, kehrte und wischte. Installierte einen kleinen Kühlschrank und einen Fernseher. Wenn ich dann merkte, dass Janas Freund nach dem Abendbrot blieb, verschwand ich nach oben. Ungestört konnte ich mich morgens fertig machen und zur Arbeit gehen. Nach nur zwei Wochenenden bemerkte die Familie, dass ein Mitglied abends fehlte. Die gesamte Bagage inklusive Janas Freund, stattete mir einen Besuch ab. Janas Kerl fand mein Exil spitze und machte den Vorschlag, dass Jana und er doch diese Kammer nutzen könnten. „Es wird eine breitere Liege aufgestellt und der Alte kann in seinem Bett schlafen!“ Ich sagte: „Von mir aus. Ich habe sowieso in der Wohnung ein Bett. Darum geht es auch nicht. Es geht nur um das morgendliche Duschen und Rasieren. Wo wollt ihr euch denn fertigmachen, wenn ihr hier schlaft?“ „Natürlich in einem der Bäder.“ „Und warum dann hier oben schlafen, wenn ihr unten Duschen wollt?“ „Warum wohl? Ihr habt zwei Wohnungen. Warum sollen Jana und ich nicht auch etwas für uns allein haben? Hier sind wir ungestörter.“ Nur wir zwei Männer diskutierten. Die drei Weiber waren still! Ich richtete mich kerzengrade auf und sagte unmissverständlich: „Wenn ihr eigene Räume haben wollt, dann kann Jana ja ausziehen!" Jetzt wachten die drei auf! „So weit kommt es noch“, knurrte Heidi. Cora starrte mich mit großen Augen an und sagte: „Aber Vati, so kenne ich dich doch gar nicht.“ Jana sagte laut, sehr laut: „Du Rabenvater kannst ja ausziehen!“ Es klopfte an die Tür. Mayer aus der dritten Etage. Er schaute sich staunend um und sagte: „Mensch Dagoperth, das ist ja eine tolle Überraschung. Die ganze Familie mit Zuwachs hier drin. Macht ihr ein Meeting? Dann aber nicht so laut!“ Er verschwand. „Ich bleibe dabei. Wenn jemand auszieht, dann Jana. Diskutiert das wo anders aus. Sagt mir Bescheid. Ich bleibe so lange hier oben.“ Mit ausgebreiteten Armen schob ich alle aus dem Raum. Sie gingen zögernd zur Treppe. Während ich mich auszog klopfte es wieder. Schon wieder Mayer. Mit ein paar Flaschen Bier. Am nächsten Nachmittag, ich war nicht in die Wohnung gegangen, kam Heidi zu mir in die Kammer. Nach kurzer Diskussion warf ich sie raus. Am folgenden Wochenende bekam ich wieder Familienbesuch. Ohne Freund. Jana heulte. Heidi sagte bitterböse: „Wegen dir hat Klaus mit Jana schlussgemacht!“ „Wieso wegen mir?“ Jana sagte schluchzend: „Klausi will nicht so einen Rabenvater in seiner Familie haben.“ „Passt einmal auf, ich ziehe ganz aus. Dann könnt ihr machen was ihr wollt! Und jetzt raus!“ Eine Stunde später saß Klausi neben mir auf dem Polsterbett. Er hatte Bier und Essen vom Italiener mitgebracht. „Du bist ja ein Schlaufuchs! Wenn’s Probleme gibt, tauchst du hier unter. Ich habe mit Jana schlussgemacht. Aber nicht weil du Ärger gemacht hast, sondern weil deine Olle überall rumschnüffelte, meine Sachen durchwühlt hat und immer das letzte Wort hatte. Außerdem hat sie nachts an der Türe gehorcht.“ Ich grinste. Er fuhr fort: „Jana ist zickig und wird bestimmt so wie ihre Alte. Ich wünsche Dir viel Vergnügen mit den Weibern.“ Trank sein Bier aus und ging. Zusammen mit Mayer baute ich seine Bodenkammer aus und meine um. Schließlich machten wir aus zweien eine. Wenn Mayer oder ich Ärger in Familie haben, geht’s ab auf den Boden.

Bis später Dagoperth  31.Januar 2012

*
Familie
Wie ihr euch erinnern könnt, hatte ich nach meiner Kur so ganz nebenbei erfahren, dass meine Supergattin Heidi wegen ihrer großen Klappe ihre Arbeit verloren hatte. Eigentlich hatte ich immer gedacht, dass nur Ehemänner, die zu hause nichts zu melden hatten, auf Arbeit den großen Max spielen. Im Bekanntenkreis hatte ich eine junge Frau, bei der das Gegenteil der Fall war. Sie war von der Statur her sehr klein geraden. Ich nannte sie immer Püppie, das „i“ schön lang ziehend. Bald wurde sie von allen Leuten so genannt. Wenn man die Kleinen nicht sieht, dann hört man sie. Ihr schrilles Organ war wirklich nicht zu überhören. Genau wie Heidi hatte sie auf Arbeit immer den großen Rand. Selbst ihr Boss duckte sich, wenn sie loslegte. Eines Tages hatte ich nachmittags in ihrer Gegend zu tun, und klingelte. Sie war allein zu hause. Bewirtete mich widerstrebend mit Kaffee in sehr, sehr kleinen Tassen. Kein Mokka, wie man annehmen könnte. Großartig erzählte sie mir von der Arbeit. Wenn man ihr zuhörte, konnte man glauben sie sei der Chef. Nach einer halben Stunde kam ihr Gatte nach Hause. Er besah sich den gedeckten Kaffeetisch. Die winzigen Tassen und die ebenso winzigen drei Gebäckkrümel auf dem Kuchenteller. Den Kaffee hatte ich kaum angerührt, die Krümel gar nicht. Dann sah er seine Frau scharf an. Roch an dem Kaffee und sah sie nochmals an. Sie wurde ganz, ganz klein. Noch kleiner, als sie in Wirklichkeit schon war. Bekam stumme Befehle. Bald sah der Kaffeetisch ganz anders aus. Ich erlebte zum ersten Mal in meinem Leben, dass der Mann im Haus wirklich der Herr war.
Bei uns zu hause war es ja, wie ihr wisst noch anders. Wir wohnten gewissermaßen getrennt Heidi + Jana im großen Teil der Wohnung, Caro und ich im kleinen Teil. Zu hause hatte mein Weib das Sagen, auf Arbeit der Meister. Im Garten war ich der Boss. Wenn niemand von der Familie da war. Mir kam es ganz gelegen, dass mein Weib keine Arbeit hatte. Ich avancierte plötzlich zum Haushaltvorsteher, da ich Geld verdiente und sie nicht. Zum Einkaufen gingen wir entweder zusammen, oder sie bekam einen Zettel und einen geschätzten Betrag mit. Die drei Damen fielen aus allen Wolken, als ich ihnen mitteilte, dass sie von ihrem Taschengeld Handykosten und andere weibliche Ausgaben bezahlen sollten. Sparen, sparen, sparen. Wir sind schließlich kein Staat, der Geld ausgibt, was er nicht hat. Von ihnen unbemerkt führte ich viele Gespräche. Bewerbungen für Heidi. Ich suchte für sie Arbeit. Kriterien: Untergeordnete Stellung in der Hierarchie. Volle Arbeitszeitauslastung mit persönlichem Verantwortungsbereich. Geringe schemenhafte Aussicht auf Aufstieg. Bildlich gesehen. Eine Schildkröte, die ein grünes Blatt vor ihrem Maul sieht. Sie möchte es gern haben, bekommt es aber selten oder nie. Zu hause machten wir ihr das Leben schwer. Wir hatten vor Jahren Prioritäten gesetzt. Jeder hatte eine Aufgabe und musste übergreifend in der Gemeinsamkeit mithelfen. So lange Heidi keine Arbeit hatte, legten wir unsere Aufgaben vertrauensvoll in ihre Hände. So wie sie früher mit uns umgesprungen war, machten wir es zwar nicht, aber wir nörgelten herum. Heidi schrie förmlich nach Arbeit. Als ich ihr ihre neue Arbeit offerierte war sie vor Glück sprachlos! Den ganzen Tag weg von uns Nörglern. Einen großen Verantwortungsbereich. Einen schönen Arbeitstitel. Allerdings blieben gewisse Veränderungen bestehen, die wir während ihrer Arbeitslosigkeit eingeführt hatten. Über alle Einkäufe und Anschaffungen wurde vorher im Familienkreis beraten.
Eberhard Cohrs hatte einmal gesagt, dass er mit seiner zukünftigen Frau ausgemacht habe, dass sie die kleinen täglichen Entscheidungen allein treffen könne. Große und wichtige Entscheidungen wollten sie zusammentreffen. Gefragt ob das klappen würde, meinte er: Natürlich. Wir sind jetzt fünfundzwanzig Jahre verheiratet. In dieser Zeit gab es nur kleine Entscheidungen.
Damit ich bei Entscheidungen nicht so auffällig ins Hintertreffen kam, billigte ich den beiden Mädchen nur je eine halbe Stimme zu. Zwei zu eins sieht schließlich besser aus, als drei zu eins. Als Heidi an den ersten Tagen abends nach hause kam, schwärmte sie von ihrer Arbeit. Wir tranken Kaffee zusammen und schwatzten. Sie schwatzte. Von ihrer Arbeit. Das ließ bald nach. Mit der Zeit merkte sie, dass sie immer noch abgezähltes Einkaufsgeld und ein festes Taschengeld bekam. Als sie sich eingearbeitet hatte, war zweierlei passiert. Zu hause. In einer mehrstündigen Beratung hatten wir wieder Prioritäten gesetzt. Passend zur Ausbleibezeit waren die einzelnen Aufgaben vergeben worden. Bei jeder Abstimmung war Heidi von den Mädchen begeistert ins Hintertreffen gezwungen worden. Auf Arbeit. Zwei Arbeitsbereiche waren zusammengelegt und ihr übergeben worden. Wenn sie abends nach hause kam, war sie still und wurde immer stiller. Wir anderen drei hatten unsere Ruhe. Unsere Aufgaben hatten wir erledigt. Heidi durfte noch Hausarbeiten machen. Als Haushaltvorsteher kontrollierte ich gewissenhaft die Qualität der Arbeiten. Um unnützen Streit, Zank und Geschrei zu vermeiden, hatte jeder ein Hausarbeitsbuch erhalten. Auf der Umschlagsinnenseite standen die Hauptaufgaben. Auf der jeweils linken Seite die täglich zu vollbringenden zusätzlichen Aufgaben. Auf die rechte Seite schrieb ich mein Gutachten. In wohlwollender Form. Ich hatte natürlich auch so ein Buch. Die Damen machten auf der rechten Seite Bemerkungen über die Qualität meiner Arbeit. Freitagabend wurden die Bücher gemeinsam ausgewertet. Die Auswertung hatte Einfluss auf gesondertes Wochenendtaschengeld.
Ich hatte nie welches.
Bis zum nächsten Mal Euer Dagoperth
 
*
Fürsorge

Eines Tage musste ich wegen meinem angegriffenen Gesundheitszustand ins Krankenhaus. Erst einmal achtundzwanzig Tage zur „Beobachtung“. Ich teilte das Zimmer mitzwei anderen Patienten. Einem jüngerem und einem älteren. Sie lagen schon einige Zeit hier und waren sich in allen Sachen einig. Eine Meinung. Einheitliches Essen. Die gleichen Schlafanzüge und Bademäntel. Nur beim Fernsehen waren sie manchmal getrennter Meinung. Gespannt wartete ich auf den ersten Besuchstag. Vielleicht hatten sie auch einheitliche Partnerinnen. Ich hatte umsonst gewartet, Besuch bekamen sie nicht. Aber ich! Furchtbar! Fast jeden Tag kam entweder die ganze Familie zusammen oder nacheinander. Das Getue war nervenaufreibend. Jedes zweite Wort war Daggi oder Papi. Nach den Besuchen waren nicht nur meine Nerven erledigt. Die des Stationsarztes, der Oberschwester, ja des ganzen Personales ebenso. Meine beiden Zimmergenossen übernahmen das Theater. Es „daggite“ sich den ganzen Tag. Da wir in der unrealen Welt des Krankenhauses waren, konnte ich die niederträchtigen Kerle nicht zu einer Runde verdonnern oder mit Ohrfeigen reagieren. Ich versuchte ein Einzelzimmer zu bekommen. Nach einigen Anstrengungen, bekam ich ein kleines, helles, abgelegenes Einzelzimmer. Allerdings fühlte ich mich nun wie in Einzelhaft. Nicht, dass ich das Zimmer nicht verlassen konnte. Nein, ich verzichtete darauf. Das ganze Personal und die beiden ehemaligen Zimmergenossen verwöhnten mich mit Daggi und Papi. Wenn ich auf dem Gang war, hieß es gleich: „Wohin will denn unser kleiner Daggi?“ Nach zwei Wochen war ich kranker als je zuvor. Der Herr Oberarzt offerierte mir einen neuen achtundzwanzigtägigen Aufenthalt in einer Spezialklinik. Ich wurde aktiv. Alle meine Verbindungen wurden angezapft. Und es klappte. Eine Kommission sollte darüber befinden, ob ich in den Schwarzwald, nach Österreich oder vielleicht auch nach Südfrankreich kam. Ich wünschte mir das weiteste Haus, schön weit weg von meiner besorgten Familie. Einzelzimmer mit Chefarzt. Wozu hatte ich eine tolle Krankenversicherung? Um nicht die Katze im Sack zu kaufen, verlangte ich, den Oberärzten der ins Auge gefassten Kliniken vorgestellt zu werden. Dieser Wunsch stieß zu erst auf Unverständnis und Ablehnung. Ich schaltete einen meiner Skatbrüder ein. Der Franzose entpuppte sich als staubtrockener Professor. Messerscharfer Mund und ebensolche Falten. Der Österreicher war leutselig, schwatzhaft und scheinbar selbst Nervenkrank. Der Schwarzwälder schien in Ordnung zu sein. Dann trat ein Ereignis ein, welches mich dazu bewog, die Flucht zu ergreifen. Ich sagte ja zu allen Vorschlägen der Kommission und war einen Tag später unterwegs.

Heidi hatte bei einem Besuch, unverständlicher Weise schon am frühen Morgen, Janet mitgebracht. Die Beiden schlugen auf, als mir gerade der Rücken eingerieben werden sollte. Ich hatte aus ungeklärter Ursache plötzlich starke Rückenschmerzen bekommen, konnte nicht aufstehen und wurde jeden Morgen von einer Schwester eingerieben. Der Einfachheit halber hatte ich ein hinten geteiltes Hemd bekommen. Die Schwester hatte mich schon aufgedeckt, als die beiden Frauen reinkamen. Ich in dem kurzen Hemd. Die Schwester sagte in Verkennung der Situation: „Ich habe noch mehr zu tun. Ihre Gattin könnte sie doch einreiben. Aber bitte vorher den Rücken waschen.“ Heidi und Janet wechselten kurz Blicke und legten los. Ich wusste nicht wo ich hinsehen sollte. Janet gab mir einen Kuss und flötete: „Aber mein Daggilein. Denkst du denn, ich hätte noch keinen nackten Mann gesehen? Also hab dich nicht so. Außerdem muss ich mich noch für deine Fürsorge bei der letzten Geburtstagsfeier bedanken.“ Heidi fuhr mich am nächsten Tag zu meinem neuen Domizil. An den Titisee. Ich bekam ein wunderbares Einzelzimmer mit Blick auf den See. Zwischen dem Haus und dem See war eine stufenförmig angelegte Terrasse mit Liegestühlen. Da es Sommer und schön warm war, aalten sich knapp bekleidete Damen und Herren in Liegestühlen. Die ersten Tage hatte ich Bettruhe und Fernsehverbot. Fernsehen brauchte ich auch nicht. Vom Bett aus konnte ich die Terrasse einsehen.
Um keine Langweile aufkommen zu lassen, begann ich die Oberschwester gehörig zu umschmeicheln. Mit der Zeit wurde daraus ein richtiger Flirt. Sie las mir meine Wünsche buchstäblich von den Augen ab. Ein Besuch Heidis und der restlichen Familie wurde fast unmöglich. Im Krankenhaus gab es für Familienangehörige zwar Übernachtungsmöglichkeiten, aber während meines Aufenthaltes war alles belegt. Die Hotels der Umgebung waren fast die ganze Zeit ausgebucht, und das nächste freie Hotel in Neustadt. Heidi besuchte mich trotzdem. Sie fand auch eine annehmbare Unterkunft. Beim Oberarzt! Ich bekam schnell mit, dass ich sozusagen zwischen zwei Stühlen saß. Während ich die Oberschwester für mich gewonnen hatte, hatte Heidi sich den Oberarzt um den Finger gewickelt. Vermittelt hatte die Begegnung ein Studienkollege Heidis. Ich machte das weibliche Personal richtig scharf. Denn wer regiert auf der Station? Die Oberschwester.
Und diese wollte mich noch ein wenig behalten, warum kann man sich denken. Aus den achtundzwanzig Tagen wurden vierundvierzig.
Dabei musste zu Hause irgendetwas los sein. Heidi war bei jedem Besuch, der erste erfolgte in der dritten Woche, recht kleinlaut. Ich hatte den Eindruck, dass sie sogar körperlich kleiner würde. Fragen wich sie ganz offen aus. Es kümmerte mich nicht weiter. Ich war glücklich und zu frieden. Erholte mich durch die liebevolle Pflege der Schwestern. Die Schmerzen vergingen. Ich bummelte allein oder mit einer der Frauen durch das Städtchen. Mit fast unmerklicher Einflussnahme hatten sie erreicht, dass ich Gewicht verlor und fast schlank geworden war.
Als Heidi mich zusammen mit Cora abholte, erzählten sie mir bei einer Rast unter Tränen, was inzwischen zu Hause passiert war. Heidi hatte bei einer Geburtstagsfeier einen langen Kerl kennengelernt. Viel jünger als ich. Ich hatte mich gefreut, dass sie ihren Hals verrenken musste, um zu ihm aufzusehen. An etwas Ernstes hatte ich nicht gedacht. Als ich mich erst in Janet und dann in die Versicherungstante verknallt hatte, hatte Heidi ernst gemacht. Während ich dann im Krankenhaus lag, nistete sich der lange Kerl bei uns ein. Jana flüchtete daraufhin zu Cora in meinen Teil der Wohnung. Im Betrieb hatte sich auch einiges verändert. Heidi war Gruppenleiterin. Als Janets Volontariat zu Ende war, wurde sie Abteilungsleiterin. Heidi beschwerte sich. Als sie mit ihrer Beschwerde keinen Erfolg hatte, wurde sie unleidlich und mobbte ihre Leute. Eigentlich sollte sie entlassen werden. Durch ihre guten Beziehungen erreichte sie, dass sie nur versetzt wurde.
Während Heidi mich an einem Wochenende besuchte, hatte ihr Kerl einen Teil der Wohnung ausgeräumt, und war verduftet. Bei der daraufhin mit Polizei und Versicherung vorgenommen Inventur musste Heidi feststellen, dass nicht nur Kleinmöbel, sondern auch Schmuck und andere Wertsachen fehlten. Außerdem hatte ihr Konto einen Aderlass bekommen. Der Kerl war zwar schnell gefasst worden, behauptete aber, Heidi hätte ihm alles geschenkt. Kaum auf freiem Fuß, stand er vor der Tür, wurde aber von Cora und Jana vertrieben.
Kopfschüttelnd fragte ich: „Wo arbeitest Du jetzt?“ „Gar nicht.“ Anstatt ruhig zu sein und ihre Arbeit zu machen, hatte Heidi natürlich die große Klappe gehabt, und auf ihre Erfahrung als Gruppenleiterin gepocht. Der neue Chef hatte sie mehrmals abgemahnt und schließlich fristlos entlassen. „Und das ist alles innerhalb von anderthalb Monaten passiert?“ „Nein. Ich habe nicht den Mut gehabt, Dir davon zu erzählen. Ich arbeitete schon einige Zeit in E. Deshalb kam ich abends später nach Hause.“ „Moment. Du hast mich doch zusammen mit Janet besucht. War Janet da schon Deine Vorgesetzte?“ „Da war ich schon entlassen.“ Ich sagte nichts mehr. Setzte mich ans Steuer und fuhr still nach Hause.

Bis zum nächsten Mal – es wartet viel Arbeit auf mich – Euer Dagobert

*
Im Warteraum des Nervenarztes    

Am 26. August bin ich beim Nervenarzt gewesen. Meine Nerven leiden stark unter dem Druck der drei Frauen meines Haushaltes. Eine Frau ist ja Klasse, aber drei? Pfui Teufel.
Im Wartezimmer, einem sehr großen Raum, standen an den Längsseiten viele Stühle. An der linken Schmalseite befand sich die Rezeption. Die dort arbeitenden sehr jungen und attraktiven Mädchen, waren fesch gekleidet. Kurze rote, enge Pullis und sehr tiefsitzende Hüfthosen. Nach der Aufnahme richtete mich auf eine lange Wartezeit ein. Nach einiger Zeit kam eine junge blonde Dame zur Tür herein. Sie trug trotz der Hitze kniehohe Stiefel, einen Minirock aus einem sehr leichten Stoff und einen Pulli mit sehenswertem keine Fragen offen lassenden Dekolleté. Als sie sich über die Theke der Rezeption beugte wurde ich auf sie aufmerksam. Sie setzte sich dann mir gegen über, holte aus ihrer Tasche ein Romanheft, schlug die Beine übereinander und begann zu Lesen. Als sie sich über die Theke gebeugt hatte, hatte ich überlegt, ob sie einen String trug. Beim mehrmaligen Stellungswechsel auf dem Stuhl wurde mir klar, dass ihr Schopf gefärbt war. Sie schien meine Blicke zu spüren. Stand auf, nahm ihre Tasche und verschwand auf die Toilette. Als sie wiederkam, strich sie dicht an mir vorbei und setzte sich für mich günstig hin. Sie duftete! Sie duftete nach Sünde. Als sie sich setzte, beugte sie sich vor, verharrte kurz und nahm dann in lässiger Haltung Platz. Beim wiederum mehrmaligen Übereinanderlegen ihrer Beine, was sie betont lässig und langsam vornahm, konnte ich mich augenscheinlich von ihren Reizen überzeugen. In ihren Anblick vertieft, überhörte ich meinen Aufruf. Zornig folgte ich der Schwester in den Behandlungsraum. Bei Dr. Kranz. durchläuft man mehrere Untersuchungsphasen. Kam dann bis zur nächsten Untersuchung in den Warteraum zurück. Die Blonde war nicht da! Mist. Als sie wieder auftauchte, setzte sie sich neben mich. Dabei gewährte sie mir wieder tiefe Einblicke, diesmal von oben. Ich begann ein Gespräch, das sich zum Flirt ausweitete. Wieder wurde ich durch einen Aufruf gestört. Als ich dann wiederkam, war sie nicht mehr da! Aber ich hatte ihre Telefonnummer. Festnetz. Beim Nachhauseweg überlegte ich: Sollte ich meiner Guten was sagen oder nicht? Wie man’s macht, macht man’s sowieso verkehrt. Erzähle ich von dieser Begegnung, kommt sie das nächste Mal vielleicht mit. Was sollte ich machen?

Euer Dagoperth
*
Sie

Im Warteraum des Nervenarztes hatte ich eine junge Frau kennen gelernt. Ich hatte ihre Telefonnummer und rief sie mehrmals an. Ich versuchte anzurufen. Aber entweder ich bekam keine Verbindung, oder ich musste den Anwählversuch abbrechen, weil entweder meine Frau oder eines meiner Kinder dazu kamen. Ein Handy hatte ich nicht. Meine Frau sagte immer: „Du brauchst kein Handy. Auf Arbeit kannst Du das Firmentelefon benutzen. Von unterwegs anrufen ist sinnlos, da Du ja immer gleich nach Hause kommst. Außerdem musst Du Vorbild für Jana und Caro sein, die haben auch kein Handy.“ Sie hatte natürlich eins. Ihre Freundinnen hätten es ihr übel genommen, wenn sie nicht erreichbar gewesen wäre, argumentierte sie. Ich hatte schon Halluzinationen, weil ich dauernd an das Mädchen dachte. Mehrmals war ich auf der Straße Mädchen hinterher gelaufen, weil ich dachte es wäre „sie“! Meine Familie und meine Arbeitskollegen schimpften über meine Zerstreutheit. Ich wurde dauernd gefragt, ob mir der Besuch beim Nervenarzt geschadet hätte. Vergebens versuchte ich mich zu konzentrieren. Zu meinem „Ärger“ wurde ich von meinem Anhang von der Hausarbeit ausgeschlossen. Caro kam auf die Idee eine Sammelbüchse aufzustellen. Ich musste immer einen Euro reinstecken, wenn ich aus Zerstreutheit irgendeinen Fehler gemacht hatte. Jana erzählte einem meiner Arbeitskollegen davon, und schon stand eine ähnliche Dose auf meinem Arbeitstisch. Mein Taschengeld siedelte sich in den Dosen an. Meine Frau vereinbarte einen neuen Termin bei Dr. Kranz. Er und sein Team konnten bei mir nichts anderes finden, als was sie schon festgestellt hatten. Dr. Kranz. sagte beim Abschlußgespräch lachend: „Dagoperth bringen Sie mal Ihr Blut richtig durcheinander!“ Und fragte scheinheilig: „Wann haben Sie zuletzt mit Ihrer entzückenden Frau geschlafen?“ Wutentbrand verließ ich die Praxis. Wütend auf den Doktor. Wütend auf alle Teammitglieder, die so abscheulich bei den Untersuchungen gegrinst hatten, dass ich mich bremsen musste um nicht grob zu werden. Aber ich war vor allem enttäuscht. Ich hatte die Hoffnung gehegt, „Ihr“ in der Praxis zu begegnen. Mit Heidi meiner Frau hatte ich schon längere Zeit nicht geschlafen. Ich hatte absolut keine Lust dazu. Dafür amüsierte sie sich dauernd mit ihren Freundinnen. Sie erzählte mir nach den Klatschabenden immer ganz genau, wie toll deren Männer wären, und was ich dafür für eine Niete sei!
Um mir zu zeigen, wie einfühlsam diese Männer sind, und wie das Familienleben ihrer besten Freundin sei, wurde ich zu deren Geburtstagsfeiern mitgeschleppt. Knurrend ließ ich mir von Heidi beim Ankleiden helfen. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte mich auch noch gewaschen! Ich musste die Geschenke schleppen. Mein sowieso dürftiges Taschengeld hatte ich opfern müssen, damit wir einen guten Eindruck machen, wie sie erklärte. Bei Rosi schien schon ausgelassene Stimmung zu sein. Wir zwei wurden stürmisch begrüßt und ab- und durch geknutscht. Man nahm uns die Geschenke ab und schob uns in das große Wohnzimmer. Vorgestellt wurde keiner. Da es nicht genug Sitzgelegenheiten gab, saßen alle auf dem Fußboden. Ich stand etwas verloren herum, da ich als einziger einen Anzug anhatte, der nicht fürs Sitzen auf dem Boden geeignet war. Leise fluchend suchte ich mir einen Weg durch die Sitzenden, darauf bedacht nicht zu fallen oder zu treten.
Ich entdeckte einen einsamen leeren Sessel und stürzte darauf zu. Aber wie es sich herausstellte stürzte ich nicht allein. Ich war eine Sekunde schneller, und wer saß auf meinem Schoß? SIE!

Euer Dagoperth

*
Hurra!

Sie saß auf meinem Schoß. Unwillkürlich griff ich zu und hielt sie fest. Mit der linken Hand an ihrer Hüfte. Weit unten. Meine rechte Hand legte sich automatisch unter ihrem Arm hindurch um ihren Oberkörper. Ein Eisenbahner hat mich einmal gefragt, ob ich wüsste, dass eine Lok einen flachen und einen gewölbten Pufferteller habe. Als ich nickte, wollte er wissen wo welcher wäre. Er erklärte es mir einleuchtend. „Wenn ein Mann mit einer Frau eng umschlungen spazieren geht, dann legt er seinen rechten Arm um ihren Oberkörper. Was hat er dann in der Hand? Dort hat die Lok den gewölbten Puffer!“ Und dort hatte ich meine rechte Hand. Sie hatte wieder einen sehr kurzen Rock, und diesmal einen engen hochgeschlossenen Pulli an. Nichts drunter! Ich vergaß die Welt um mich herum! Sie drehte mir ihr Gesicht zu, sah mich stirnrunzelnd an, und versuchte etwas abzurücken. Die dadurch entstehende Spannung versuchte ich abzubauen, in dem ich sie küsste. Mit einem Ruck machte sie sich frei und sprang auf. „So weit sind wir noch nicht!“ Sie drehte sich weg, stolperte, und ging in die Knie. Sich vom Boden abstützend stand sie einen Moment tief gebückt da. Dann richtete sie sich langsam auf. Für mich viel zu schnell. Denn als sie gebückt, mit fast gestreckten Beinen so stand, mein lieber Herr Gesangverein!
Plötzlich stand Heidi neben uns. Wir hatten Aufsehen erregt. Sie schnarrte mich an: „Wieso sitzt Du ruhig im Sessel, und hilfst dem Mädchen nicht? Du bist mir ja ein toller Kavalier!“ Verdutzt sah ich sie an. Schüttelte dann den Kopf und stand auf. Heiser sagte ich zu dem Mädchen:  „Wenn Sie sich setzen möchten? Bitte.“ Heidi sagte: „Albere nicht herum. Hier sagen alle DU!“ Und zu dem Mädchen, oder besser jungen Frau: „Janet setz Dich doch hin. Lass den albernen Kerl.“ SIE hieß also Janet. Janet sah Heidi fragend an. Heidi sagte nachlässig: „Dieser albere Kerl ist mein geliebter Gatte Daggi.“ Janet kicherte. Zu mir sagte Heidi: „Darf ich vorstellen, das ist meine Kollegin Janet. Sie ist bei uns Volontär.“ Dann fasste sie uns beide unter, und schleppte uns zum kalten Buffet. „Hier esst und trinkt mal was.“ Ich gab Janet erst einmal die Hand und entschuldigte mich. Dann setzten wir uns mit unseren Tellern und Gläsern zwischen die anderen Gäste. Ich war immer noch etwas benommen. Diese Wendung hatte ich nicht erwartet. Ich wurde wach, als Janet zu Heidi sagte: „Daggi hat einen festen, aber nicht derben Griff.“ Heidi setzte eine traurige Miene auf und sagte: „Ich kann mich daran nicht erinnern. Ich weis gar nicht mehr, wie das ist, wenn Daggi mich in den Arm nimmt.“ Janet fragte scheinheilig staunend: „Wen nimmt er denn dann in den Arm?“ Ich versuchte abzulenken: „Würden die Damen so freundlich sein, und mich nicht immer Daggi nennen?“ Beide winkten lachend ab. Janet beugte sich zu mir, gab mir einen schmachtenden Kuss und flötete: „Aber Daggi, sei doch bitte lieb zu mir.“ Tolle Aufforderung dachte ich. Aber wie ihr nachkommen? Sie setzte sich zurecht. Dabei wurde der Rock noch kürzer. Heidi fragte plötzlich: „Alter (so eine Gemeinheit!) wo guckst Du eigentlich hin?“ Ich zuckte zusammen. Dann sagte ich leise: „Würdest Du bitte so freundlich sein, und Deiner Kollegin sagen, sie möchte sich anders hinsetzen? Ich bekomme keine Luft mehr...“ Janet sah uns an. Dann meinte sie: „Was soll dass?“ Stellte ihr linkes Bein auf und funkelte mich an. Nun blieb mir wirklich die Luft weg. Was es da zu sehen gab! Und ich konnte nichts unternehmen, denn Heidi dachte gar nicht daran zu verschwinden!

Tschüs bis später Euer Dagoperth
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Janet (SIE)

Gestern traf ich SIE auf einer Feier. Ich hatte Janet nicht vergessen. Immer wenn ich nichts zu tun hatte und meine Gedanken sich auf Abwegen befanden, dachte ich an SIE. Gern hätte ich sie näher kennen gelernt. Ein älterer Freund hatte mir einmal anvertraut, als ich ihn fragte, wieso er immer so junge Freundinnen hatte: „Je älter ich werde, umso jünger müssen meine Freundinnen sein! Das muss so sein. Sie müssen mich richtig aufmöbeln!“ Ich wünschte mir, SIE würde mich einmal so richtig „aufmöbeln“! Wenn ich sie in Gedanken vor mir sah, ihr kurzer Rock, die weitausgeschnittene, wohlgefüllte Bluse, ihre strammen Schenkel… hach, da ging es mir durch und durch!

Heidi, meine geliebte Gattin, schleppte mich wieder einmal zu einer Feier bei einer ihrer Klatschtanten.
Zuerst lief mir Rosi über den Weg. Sie knutschte uns beide, Heidi und mich, feucht ab. Dann wurden wir weitergereicht. Die Küsserei wollte und wollte kein Ende nehmen. Bei mancher der Frauen musste ich mich eisern beherrschen. Freiwillig hätte ich die nie angefasst, geschweige denn geküsst. Plötzlich hielt ich Janet im Arm. Unauffällig sah ich nach Heidi. Die war nirgends zu sehen. Also gute Gelegenheit, unter dem Deckmantel der allgemeinen Knutscherei meinen Mund und meine Hände bei Janet spazieren zu führen. Janet roch nach Whisky, sträubte sich nicht gegen meine Umarmung und machte richtig mit. Heute trug sie einen Minislip mit Noteingang, wie ich sofort feststellen konnte. Ihr BH bestand aus irgendeinem weichen Gespinst. Der Rock so kurz wie immer. Ohne sie loszulassen, schlug ich mich tapfer durch die restlichen Küssereien. Als das Gemenge um uns lichter wurde, kehrten wir in die Gegenwart zurück. Heidi erschien mit einem Tablett voller Delikatessen. „Hier stärke Dich. Das Begrüßungszeremoniell hat Dich bestimmt etwas erschöpft. Du siehst auch ziemlich derangiert aus.“ Ich besah mir meine Hände. „Ich werde mich erst mal erfrischen. Manche dieser Weiber waren richtig schmierig.“ Heidi grinste und sagte: „Vergiß Dein Gesicht nicht. Du hast überall Lippenstift! Beeil Dich, ich esse sonst alles allein auf.“ Schnell war ich wieder bei Ihr. Neben ihr standen Janet und eine andere Frau. Alle drei bedienten sich von den schönen Sachen auf Heidis Tablett. Ich stürzte mich auf die Reste. „Sei nicht so gierig. Bediene lieber Janet ein wenig, ich muss meiner Freundin in der Küche helfen.“ Ich verzog mich mit Janet in eine stille Ecke, wo wir ungestört essen und knutschen konnten. Der Einfachheit halber nahm ich sie auf den Schoß, legte meinen linken Arm um sie, damit sie nicht herunterfiel und fütterte sie abwechselnd mit Küssen und Delikatessen. Als wir beide satt und zu frieden waren, wurde ich zu meinem Ärger damit beauftragt, in der Küche zu helfen. Babs, Heidis Freundin, sagte: „Daggi (Unverschämtheit), Du bist so schön klein. Du hast es nicht weit bis zum Fußboden. Wir sind hier soweit fertig und richten das kalte Buffet im Salon an. Deshalb wirst Du hier aufräumen und vor allem den Fußboden sauber machen. Heidi hat’s erlaubt“, sagte sie, als ich protestieren wollte. Wütend begann ich mit dem Küchenputz, nachdem Heidi mir eine viel zu lange Schürze vorgebunden hatte. Nach einer Weile erschien Janet. Sie blieb aber mit der Bemerkung, sie wolle mich nicht von meiner Arbeit abhalten, nur so lange wie sie brauchte, um mir ein Kopftuch umzubinden. Schäumend vor Wut arbeitete ich weiter. Wenn jemand in die Küche kam, hieß es immer: „Junge Frau……“ Zähneknirschend erfüllte ich dann die Wünsche der „Bittenden“. In meiner Wut passte ich nicht auf, dachte nicht an die lange Schürze, trat drauf und fiel polternd hin. Kein Aas kam um nachzusehen, was passiert war. Als ich Geschirr in den Salon brachte, rief Janet, das Miststück, laut: „Daggi, bringst Du mir bitte ein Glas Wasser?“ Und schon war ich als Frau abgestempelt. Alle, auch die, die noch nicht in der Küche gewesen waren, hielten mich für eine Putzfrau. Na ja, ich trug nicht nur das verfluchte Kopftuch und die Schürze. Ich war glattrasiert, und bin ja ziemlich dick. Oder besser gesagt - untersetzt. Ich holte Janet das Wasser und versprach ihr eine Ohrfeige, weil sie mich offen Daggi gerufen hatte. Als später getanzt wurde, bekam ich viele Körbe. Einigen Frauen war ich zu klein. Aber ein paar Frauen meinten, dass genug Männer anwesend wären, so dass sie nicht mit einer Frau, noch dazu einer Putzfrau, tanzen müssten.  Zu diesem Zeitpunkt hatte ich natürlich die Kittellage nicht mehr an. Ich wusste nicht recht, sollte ich beleidigt sein oder nicht. Glücklicher Weise tanzte Janet mit mir, obwohl ich dabei mehr ein stützender Faktor war, denn sie war ganz schön blau. Beim Tanzen beobachtete ich, dass Heidi mit einem Riesenkerl flirtete. Ich gönnte ihr das Vergnügen, einmal zu einem Mann raufsehen zu müssen.
Gegen Morgen waren wir nur noch zu viert. Heidi mit dem Riesenkerl auf einer Decke am Boden liegend. Janet und ich auf einem breiten Sofa. Von der Gastgeberin war nichts zu sehen. Mit Janet war nicht mehr viel anzufangen. Ich hatte vorsichtshalber einen Eimer geholt, eine Flasche Whisky zum Nüchtern trinken besorgt und sie sorgsam zugedeckt. Als sie eingeschlafen war und ich mir überflüssig vorkam, erschien von irgendwoher ein Riesentier von Katze und platzierte sich auf meiner Brust. Da man ja nicht ewig eine Frau streicheln kann, vor allem das Streicheln sinnlos ist, wenn sie schnarchend schläft, streichelte ich die Katze. Die streckte sich auf mir lang aus und schnurrte. Als ich im Einschlafen war, zwickte mich etwas ins Ohrläppchen. Die Katze. Sie forderte Weiterstreicheln. Ich tat meine Pflicht ohne allzu viel Murren. Wenn Janet nicht so blau gewesen wäre, ja dann …?
Aber Katzen streicheln ist ja auch ganz schön.

Bis zum nächsten Mal, Euer Dagoperth
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Der Tannenbaum

Vor vier Jahren hatte ich eine Änderung für unser Weihnachten angestrebt. Und zwar in Bezug auf den Weihnachtsbaum und den Kartoffelsalat. Das ganze Jahr über freut sich alles auf Weihnachten. Jeder tut so, als ob es nichts anderes gibt, was das Jahr schön macht.
Also vor vier Jahren sah ich in einem Katalog von EuroTops einen kleinen Weihnachtsbaum, der mir sofort in die Augen stach. Ein Meter hoch, an den untersten Zweigen einen halben Meter Durchmesser. Die Nadeln aus Glasfaser. Wurde Strom zugeführt, sprangen bunte Blitze von Nadel zu Nadel. Vom tiefsten Blau bis glitzerndem Silber.
Ich bestellte den Baum im Oktober, vorsichtshalber gab ich die Adresse eines Kollegen an. Am 23. machte ich eine schöne große Schüssel Kartoffelsalat, die ich beim Nachbarn deponierte.

Um alles zu verstehen, muss ich nun über unsere Wohnung sprechen. Unsere Wohnung besteht aus 2 Teilen, und hat 10 (!) Räume. Zuerst hatten wir, wie jede normale Familie: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Wohnküche, Bad und einen Abstellraum. Der Abstellraum wurde Kleiderkammer genannt, da dort die Kleider von Heidi in deckenhohen Schränken gesammelt wurden. Als Cora kam, wurde in Janas Zimmer einfach ein zweites Bett gestellt und fertig. Aber eines Tages brauchten wir noch 2 Räume. Jana kam in die Pubertät und Heidi verlegte sich nachts, anstatt zu schlafen aufs Schnarchen. Auf unserer Etage gab es eine 2-Raumwohnung, bewohnt von einer alten Dame. Ich versuchte sie zu bewegen, auszuziehen und bot ihr sogar Geld an. Bevor ich noch ärmer wurde, brachte ihre unsensible Tochter sie in einer Seniorenresidenz unter. Problemlos konnte ich die Wohnung mieten. In die Verbindungswand kam eine Tür. Cora und ich zogen in die kleine Wohnung. Wir hatten einen separaten Eingang und waren der Familienkontrolle weitgehend entzogen. Das Wohnzimmer wurde zum „Salon“ umgestaltet. Allgemeiner Familientreff wurde die Wohnküche. Der Salon wurde nur an Feiertagen und bei Besuch benutzt. Ein ausgeklügeltes elektronisches Signalsytem brachte Heidi und mich nachts immer einmal zusammen. Mein Zimmer hatte einen Balkon zur Straße, die alte Wohnung einen zur Hofseite.

Weihnachten.
Der neue Weihnachtsbaum stand in seinem Karton in meinem Zimmer. Der Kartoffelsalat wartete im Kühlschrank des Nachbarn. Ich hatte das Wohnzimmer für mich allein. Der Baum war schnell aufgebaut. Jetzt wurde mir die Zeit lang! Ich hatte mir Kontrollbesuche verbeten. Anstatt wie üblich nach dem Abendessen die Bescherung durchzuführen, fiel Heidi plötzlich ein, sie nach dem Vesper zu machen. Es wurde eng. Ich sah auf die Uhr. Dann bat ich die Damen ins Wohnzimmer. Es waren nicht nur der Weihnachtsbaum, sondern auch meine Geschenkkartons aufgebaut. Die Vorhänge zugezogen. Der Baum leuchtete. Bei dieser Technik war Schmücken überflüssig. Die drei Damen stürzten herein und standen starr!
Jana und Cora waren nur verdutzt. Aber Heidi! Meine geliebte Gattin ist sehr groß. Aber jetzt blähte sie sich richtig auf. Fasziniert beobachtete ich, wie sie immer größer und dicker wurde. Sie glich mehr und mehr dem Drachen, den sie manchmal herauskehrte. Ich dachte, wenn ich das Fenster öffne, fliegt sie bestimmt davon. Andererseits könnte sie ja auch platzen und ich müsste die ganze Schweinerei entsorgen. Also ging ich vorsichtshalber raus.
Durch die offene Tür konnte ich beobachten, dass sich Jana und Cora für die Kartons zu interessieren begannen. Heidi schrie plötzlich: „Du elender Schweinehund. Das soll ein Weihnachtsbaum sein?“ Ich nickte und meinte versöhnlich: „Ich kann Dir die Rechnung zeigen. Da steht Tannenbaum mit optischen Fasern drauf.“ Sie schnappte die Mädchen und brüllte, jeden Widerstand erstickend: „Los wir besorgen jetzt einen richtigen Weihnachtsbaum. Und das Ding will ich nicht wieder sehen.“ Sie zogen sich ihre Straßensachen an und verschwanden. Wo sie gegen 17 Uhr Heiligabend einen Baum besorgen wollten, war mir schleierhaft. Ich baute das Bäumchen in meinem Zimmer auf. Holte den Kartoffelsalat und verteilte ihn in meiner Küche auf vier Teller.
Gegen 8 trafen die Baumbesorger verschwitzt und verzweifelt wieder ein. Jede mit einem jämmerlichen Sturzel. Ich begrüßte liebevoll die Damen: „Na Ihr Süßen, wie ich sehe habt ihr Erfolg gehabt. Seid ihr im Wald gewesen?“ Heidi kommandierte mit eiserner Miene: „Du Ungeheuer, uns so Weihnachten zu versauen! Du wirst jetzt alle drei Bäume schmücken, während wir zu Abend essen. Dann kannst Du Dich in Dein Zimmer verziehen! Weihnachten ist für Dich gelaufen.“ Ich lehnte das Schmücken ab: „Diesen Abfall könnt ihr selbst anputzen und in Eure Zimmer stellen. Ins Wohnzimmer kommt das Zeug nicht.“ Und ging. Ich war noch nicht einmal in meiner Wohnung, als ich gerufen wurde. Alle drei riefen. Sie standen vorm Wohnzimmer und trauten sich nicht hinein. Heidi stotterte schließlich: „Was soll denn das?“ Und ich: „Wenn es Euch nicht passt, dann schmeißt es weg.“ Und ging nun wirklich.

Da ich mit allem rechnen musste, und ahnte, dass ich wieder einmal Pech hatte, hatte ich vorsichtshalber eine Nordmanntanne gekauft.
Schön geschmückt aufgestellt, während die Weiber weg gewesen waren.

Bis zum nächsten Mal Euer Dagoperth
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Kartoffelsalat

Froh meine Ruhe zu haben, setzte ich mich in meine Küche, stellte die vier Teller mit dem Kartoffelsalat vor mir auf und begann zu essen. Es dauerte gar nicht lange, dass ich Schritte hörte. Jemand öffnete alle Türen sogar die Badtüre. Dann klopfte es, und herein kam Cora, meine jüngste Tochter, in einem entzückenden neuen Kleidchen. Zuckersüß fragte sie: „Papi, Mutti läßt fragen wo der Kartoffelsalat steht, den Du machen wolltest?“ Ich zeigte nur auf den Tisch. Sofort kam die nächste Frage: „Welche Portion gehört mir?“ Ich zeigte auf einen Teller und forderte sie auf: „Hier koste einmal.“ Sie ergriff einen Esslöffel und fuhr damit in den Salatberg. Ich rügte sie: „Seit wann essen wir Kartoffelsalat mit dem Löffel?“ Artig nahm sie eine Gabel und fuhr nun mit dieser in den Berg. „Hier wird nicht geschaufelt, hier wird gepickt!“ Sie nahm ein Stückchen Salat auf und schob es in ihr süßes Mäulchen. „Das schmeckt aber gut“, säuselte sie, ergriff den Teller und wollte gehen. „Halt! Stell den Teller hin. Du fällst mir immer in den Rücken. Vorhin und auch jetzt. Anstatt hier zu essen, willst du dort essen! Außerdem denkst du  nur an dich und nimmst anstatt alle drei Teller auf einem Tablett, nur einen Teller mit.“ Nahm den Teller schüttete den Salat auf meinen und sagte barsch, obwohl es mir in der Seele wehtat: „Verschwinde!“ Jana, die ältere Tochter, bekam auch nichts. Heidi, meine Frau kam nicht. Aber ich wusste genau, sie würde auch kommen. In der Nacht. Da ich nicht mühelos vier große Portionen verdrücken konnte, stellte ich alles wieder kühl.
In der Nacht wachte ich durch ein gewaltiges Poltern in meiner Küche auf. Ich zog mir in aller Ruhe meinen Hausmantel an und ging nachsehen. In der Küche bot sich mir, als ich das Licht anknipste, ein seltsames Bild. Heidi kniete im Flatterhemd auf dem kalten Boden. Die Hände auf dem Tisch, das Gesicht auf dem Küchenstuhl. Auf dem Tisch stand, schön in der Mitte ausgerichtet ein unversehrter Teller mit Kartoffelsalat. Ich half meiner Gattin auf, und fragte, warum sie knien würde, anstatt zu sitzen. Heidi war wohl nicht in der Lage zu antworten. Ich führte sie ins Bad, zog ihr das Flatterhemd aus, und besah sie mir von allen Seiten. Einen Schaden konnte ich nicht entdecken. Deshalb betastete ich alle Körperteile, sie immer wieder besorgt fragend: „Liebling tut es hier weh?“ Bis jetzt hatte Heidi sich alles teilnahmslos gefallen lassen. Sie zuckte zusammen, als hinter uns zweistimmig gefragt wurde: „Papi, was machst Du da?“ Wahrheitsgemäß berichtete ich, wie ich Heidi vorgefunden hatte. Derweil stieg sie in die Wanne um zu Duschen. Ich sagte zu Jana, Cora war verschwunden: „Dusch Deine Mutter heiß und kalt ab, ich hole ihren Bademantel!“
Danach suchten wir zusammen die verschwundene Cora. Die hatte in der Küche meine Falle für Kartoffelsalatdiebe beseitigt, sich als Belohnung den Teller mit dem Salat angeeignet und im Ankleidezimmer aufgegessen. Als wir sie fanden, war sie gerade fertig und seufzte genüsslich. Heidi und Jana fragten: „Und wir?“ Ich zuckte bedauernd mit den Schultern. Natürlich war noch genug Kartoffelsalat da.

Da nach der halbdurchwachten Nacht keiner von uns Lust hatte Besuche zu machen, blieben wir zu Hause. Nur Mittagbrot wollten die Damen beim Italiener essen. Dazu sagte ich nichts, da ich nicht mit durfte. Während sie sich gegen Mittag langsam fertig machten, bereitete ich in meiner Küche Bratfisch zu. Das Fensterchen meiner Wohnungstür war offen und es duftete im ganzen Haus. Die drei gingen sofort in die Falle und kamen herein. Ich hatte meinen Tisch nett gedeckt. In der Mitte stand eine Schüssel mit dem restlichen Salat. Vier Teller warteten darauf befüllt zu werden. Auf dem Herd schmurgelte der Fisch. Erstaunt fragte Heidi: „Bekommst Du Besuch?“ „Ja, Nachbars. Ich wünsche guten Appetit.“ Cora setzte sich sofort und sagte: „Ich bleibe bei Vati.“ Heidi und Jana standen ein bisschen ratlos herum. Ich legte ein wenig Fisch auf ein Tellerchen und gab ihn Cora zum Kosten. Die verschlang die Kostprobe. Dann nahm sie einen großen Teller, bepackte ihn mit Salat und hielt ihn mir hin. Ein schöner großer Fisch kam obendrauf. Ich machte meine Portion fertig, und wir begannen zu Essen. Wortlos sahen die Beiden zu. Nach den ersten Bissen fragte ich über die Schulter: „Wartet ihr auf etwas?“ Heidis Augen standen voller Tränen. Ich hielt es nicht mehr aus, und sagte barsch: „Nun setzt Euch endlich ihr dummem Gänse. Beeilt Euch der Fisch wird sonst kalt.“ Jana zerrte ihre Mutter zum Tisch und füllte beide Teller mit Salat und Brathering. Dann sah sie sich suchend um und fragte: „Wo ist der andere Fisch?“ „Welcher Fisch?“ „Aber Papi, Du hast gesagt, dass Du Besuch bekommst.“ „Ja, Nachbars.“ „Aber für die ist nichts mehr da.“ „Wieso nicht? Für Euch wird es doch reichen?“ Die Beiden kapierten endlich. Die Bande aß alles ratzekahl auf und leckte auch noch Teller und Schüssel ab. Danach pflanzte sich Heidi mit ihren 140 Kilo in meinen Fernsehsessel, der darob beleidigt knarrte. Ich setzte mein künstliches Bäumchen unter Strom, und wir erfreuten uns am dauernd wechselnden Farbenspiel. Seit diesem Weihnachtsfest steht jedes Jahr in meinem Zimmer mein Bäumchen von EuroTops. Und wenn ich nachmittags zwischen Weihnachten und Silvester in mein Zimmer komme, liegt Heidi im Sessel. Neben sich Kaffee und Pralinen. Die Mädchen teilen sich die Couch, und mir bleibt nicht anderes übrig, als mich auf dem Teppich zu platzieren.

Dagoperth

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Endlich ist es vorbei!

Die Feiertage sind vorbei. Was für ein Stress! Adventszeit, bucklige Verwandtschaft, Weihnachtsvorbereitungen und Einkäufe, Weihnachtsbaum………! Jedes Jahr der gleiche Sch….! Völlig abgehetzt und fertig höre ich dann am Weihnachtsspätabend zur Befehlsausgabe: „Morgen und Übermorgen ruhen wir uns einmal richtig aus und machen es uns gemütlich!“ Wie das funktionieren soll ist mir völlig schleierhaft!

Aber beginnen wir von vorn.
Ich habe mir vor Jahren ein wundervoll funktionierendes System zum Geschenkekauf ausgedacht. Meine drei Dämlichkeiten warten immer bis zum letzten Tag, bis sie in die Gänge kommen. Passiert mir nicht. Ich habe 4 Sparbüchsen, die im Betrieb in meinem Spind stehen. Da können die Weiber nicht ran. Die Sparbüchsen sind für die Damen und für mich. Ich bewerte jede Dame jeden Tag. Jede bekommt jeden Tag bis zu 3,- € in die Sparbüchse. Bewertet wird bei meiner Gattin – wie ist der Haushalt geführt, wie lieb ist sie zur Familie, wie lieb ist sie speziell zu mir. Ist sie nachlässig, kommt der Euro in meine Sparbüchse. Knurrt sie rum, der Zweite. Kann ich ihr nichts recht machen, oder sie will nicht, der Dritte. Die beiden Mädchen werden ähnlich bewertet. Der erste Euro für die Schulleistungen, der Zweite wie sie zu Hause mitmachen, der Dritte wie sie sich mir gegenüber benehmen. Das Jahr hat 365 Tage – 270, ab Januar werden bewertet. Das wären für jede Dame maximal 810 Euro! Haben sie noch nie geschafft. Die ermittelten Summen kommen monatlich auf die Bank. Und ich habe spätestens Ende September ausreichend Mäuse für die Geschenke. Geburtstagsgeschenke gibt es, außer einer Aufmerksamkeit nicht mehr. Aber die Frauen! An den Adventssonntagen rammeln sie in die Stadt. Ich muss als Lastesel mit. Da wir alle zusammen gehen, wird natürlich nur geguckt, aber nichts gekauft. Das Geschenk soll ja überraschen! Zwei bis drei Tage vor Weihnachten fällt die Entscheidung. Jeder geht alleine in die Stadt. Oder besser gesagt, wir gehen bis zum Markt zusammen und trennen uns dann. An der Bushaltestelle. Dort habe ich zu warten. Ich lehne es prinzipiell ab, mit dem Auto in die Stadt zu fahren. Wir haben schließlich einen gut funktionierenden Nahverkehr. Ich muss mir auf dem Weihnachtsmarkt mehrere Stunden die Zeit vertreiben. Dieses Jahr bin ich an einem Bratwurststand mit dem Inhaber ins Gespräch gekommen. Wir haben uns über Senf und Ketschup gestritten. Schließlich habe ich den Vorschlag gemacht dicke Currysoße anzubieten. Habe mir dann die Zutaten besorgt und die Soße oder besser Creme angerichtet und lautstark beworben. Das Geschäft kam schnell in Gang. Bei uns standen die Leute in langer Schlange und die anderen Brater fluchten. Ich vergaß bei der ganzen Sache natürlich meinen Anhang, der ebenso fluchend nach mir suchte. Sie fuhren schließlich ohne mich mit verschiedenen Taxis nach Hause, weil die Anderen nicht herausfinden sollten, was in den Paketen war. Ich kam erst sehr spät nach Hause. Der Brater hatte mich am Umsatz beteiligt, was meine Brieftasche und dann meine Kehle erfreut zur Kenntnis nahmen. Ich brauchte nichts zu verstecken oder zu tragen, meine Geschenke passten in die Jackentasche. Am 24. war ich wie üblich der Tannenbaumschmücker. Das mache ich nun schon fast 20 Jahre, aber richtig habe ich es nach Ansicht meiner Familie noch nie gemacht. Zum Abendbrot gibt es Kartoffelsalat. Den macht meine Gute. Aber Kartoffelsalat schmeckt nur, wenn ich ihn selber mache. Nach dem Abendessen findet die Bescherung statt. Ich bekomme jedes Jahr eine Fliege, Ringelsöckchen und eine „echt“ silberne Krawattennadel. Ich trage nie eine Fliege. Krawatte nur im Theater oder Konzert, also höchstens 3-mal im Jahr, und die Ringelsöckchen schenke ich jedes Jahr einem unserer Lehrlinge.

Meine Damen bekommen jedes Jahr ihr Geschenk in je einem großen Karton. Ich gebe mir viel Mühe, mein Geschenk zu verpacken. Einer in unserer Werkstatt bringt das großartig. Das Geschenk kommt in einen kleinen Karton, der schön eingepackt in einen größeren gesteckt wird. Meistens sind es fünf oder sechs Kartons, die ineinander gesteckt sind. Da haben die Frauen ihre Beschäftigung beim Auspacken. Das geht nicht unter einer Stunde ab. Am ersten Feiertag besuchen wir eine verwitwete Freundin von Heidi. Die fühlt sich einsam. Erst freut sich Heidi auf den Besuch. Dann flucht sie. Wir können anstellen was wir wollen, wir kommen dort nicht wieder weg! Am Abend wieder zu Hause, sind wir vollkommen erledigt. Die Frau schnattert ohne Pause. Am Zweiten bekommen wir Besuch. Den kriegen wir nicht wieder los, selbst wenn wir grob werden. Die Kleiderschränke sichere ich vorher mit einem Spezialgerät so, dass die Türen nicht aufgehen. Eine stundenlange Modenschau ist sonst fällig. Silvester feiern die Mädchen bei Freundinnen. Heidi vorm Fernseher und ich schnarchend. Mitternacht gibt’s Sekt und anschließend wird in den Morgen getanzt. Wenn gegen 4 die Mädchen nach Hause kommen, sitze ich erschöpft im Sessel und meine Füße im warmen Wasser. Ich brauche im neuen Jahr mindestens eine Woche um wieder zu mir zu finden, und zwei Monate um wieder in meine Hosen zu passen.
Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist!
Übrigens, wenn SIE wissen wollen, was ich meiner Familie geschenkt habe: Jede hat einen Warengutschein oder einen Scheck und ein paar Süßigkeiten bekommen.

Bis zum nächsten Mal Euer Dagoperth

Stadtmuseum - Kindermuseum

Bildergalerie

Kindermuseum im Stadtgeschichtlichem Museum zu Leipzig

Erinnerungen
Beim Kramen im Archiv nach Erinnerungen an das Wirken von Dr. Rodekamp,

fand ich heute die Bilder von der Eröffnung des Kindermuseums im Stadtgeschichtlichem Museum zu Leipzig am 27.07.2015

Thema: Leipziger Messe – Messen und Wiegen
Durch die Ausstellung führte Frau Albertus, die Museumspädagogin

Bereits am 21.08.2015 konnte der 1000. Besucher des Kindermuseums begrüßt werden.
Die Meldung des Stadtgeschichtlichen Museums dazu lautete:

Leipzig, 21.8.2015: Am Donnerstag, dem 20. August, begrüßte Dr. Volker Rodekamp, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums, bereits drei Wochen nach der Eröffnung den 1000sten Besucher im Kindermuseum.
Der 10-jährige T. aus Bad Zwischenahn verbringt einige Ferientage in Leipzig und besuchte zum Zeitvertreib eine Ferienveranstaltung im Kindermuseum. Frau Albertus, Museumspädagogin des Museums, führte den jungen Besucher in der Veranstaltung Fernsehen von Gestern in die Anfänge des bewegten Bildes ein. Kann man wirklich alles glauben was man sieht? Und können Bilder tatsächlich laufen, sich bewegen?

T. bekam von Dr. Rodekamp eine Einladung für den Besuch einer Veranstaltung in den kommenden Ferien sowie einen kleinen Museumsführer für Kinder.
„Die Kinder begreifen das Kindermuseum nicht als musealen Raum, sondern als großartige Spielewelt, in der sie ein Stück Geschichte ihrer Stadt entdecken und erleben.“, so Dr. Volker Rodekamp über die Erlebnisausstellung Kinder machen Messe.
Die 6- bis 10-jährigen Besucher schlüpfen in die Rollen von Händlern, Kaufleuten und Marktfrauen, prägen ihr eigenes Geld, entdecken unterschiedliche Maß- und Gewichtseinheiten und lernen so, was Messe bedeutet und welche Ideen davon ausgehen.

Bildergalerie

Dr. Volker Rodekamp, langjähriger Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums zu Leipzig ist im wohlverdienten Ruhestand.
Wie man auf dem Gruppenfoto sehen kann, konnte er mich wohl nie so recht leiden. Verständlich. Bei meinem Outfit!

Ich hatte Frau Albertus gebeten mir ein Gruppenfoto der „Macher“ zu vermitteln und das war das Ergebnis!

GS 29.04.2019

KeramikMarkt im GRASSI

vom 12.06.2021 bis 13.06.2021

jeweils von 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr

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