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Stadtgeschichtliches Museum Leipzig sucht Hexen-Traumhaus (http://l-schoenefelder-almanach.de/deutschland/) zum Artikel scrollen!

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Das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig informiert (Pressemitteilung vom 10. November):

1.12. - 3.12.2017
"Zahle, was du willst-Tage" in sechs Leipziger Museen
Das Stadtgeschichtliches Museum mit Haus Böttchergäßchen, das Museum der bildenden Künste, die Galerie für Zeitgenössische Kunst sowie die drei Museen im Grassi bieten ihren BesucherInnen an, selbst die Höhe des Museumseintritts festzulegen. Dies gilt für Einzelbesucher und zunächst ausschließlich an diesen drei Tagen.

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Daggi's Tagebuch - aufgeschrieben von Kurt Meran von MeranienKurt erzählt - Kurt Meran von MeranienKurt erzählt - Kurt Meran von Meranien

Einen wunderschönen guten Tag!
Mein Name ist Dagoperth Mohlin. Meine ganze Verwandtschaft, Freunde und Bekannte, nennen mich zu meinem Ärger „Daggi“! Daggi ist für mich ein Mädchenname. Ich bin aber ein ganz normaler Mann. 159 cm groß, 120 Kg leicht und 43 Jahre jung. Wenn ich im Blousonanzug daherkomme und die Jacke zugeknöpft habe, sehe ich aus wie ein Pfannkuchen auf Stelzen.
Ich erzähle Euch in loser Reihenfolge, was mir so tagtäglich passiert.

Nennen wir es einfach Daggi’s Tagebuch.

Vorgestellt habe ich mich schon. Jetzt stelle ich meine Familie vor. Ich bin glücklich verheiratet, und habe zwei Töchter, meiner geliebten Gattin wie aus dem Gesicht geschnitten. Auch fast so groß wie sie. Ich liebe große Frauen! Wenn ich etwas schlanker wäre, würde ich bei Regenwetter unter ihrem Vorbau im Trockenen stehen. Wenn wir spazieren gehen, Mutti und ich vorn, die Kinder hinter uns, sagt Jana, die Ältere immer: „Papi (wer sagt heute noch Papi?), wenn Du neben unserer Mutsch hergehst, sieht es aus als wenn Du rollst!“ Caro die Jüngere fragt dann scheinheilig: „ Papi, warum nimmst Du nicht ab?“
Ich denke nicht daran! So sieht man mich wenigstens. Was wäre wenn der Bauch weg wäre? Und wohin sollte mein geliebtes böhmisches Schwarzbier?

Also Tagebuch.
Wieso schreibt ein Mann ein Tagebuch, werde ich immer gefragt. Das ist ganz einfach. Ich begann eines Tages aufzuschreiben, wofür ich mein Geld ausgegeben hatte. Bei manchen Positionen machte ich eine Notiz, um später einmal nachvollziehen zu können, wieso ich nie Geld hatte. Und aus diesen Notizen wurde dann zwangsläufig ein Tagebuch.

Ich beginne spaßeshalber bei meiner Geburt und mache dann einen großen Sprung in die Gegenwart.
Ich wurde am 01. Oktober 1965 um 13,15 Uhr geboren. Wenn jemand zur Identifikation nach meinem Geburtsdatum fragt, sage ich das so auf, und ernte bei Frauen immer Gelächter und die Frage: „ Woher wissen sie das denn?“ Blöde Frage. Ich sage dann: „Ich muss es doch wissen, schließlich war ich ja dabei!“

Frauen haben immer RECHT
Gestern kam Heidi auf die blendende Idee, einen Bummel im Park zu machen. „Der Spaziergang wird dir gut tun“, sagte sie. Dabei musterte sie mich von oben bis unten und ergänzte: „Du könntest ruhig ein bisschen abnehmen.“ Ich schüttelte innerlich meinen Kopf, sagte aber nichts. Vorgestern kam sie fast nackt aus dem Bad. Ohne ihre Bandagen, Korsett oder Korselett, der Teufel weiß wie das Zeug heißt. Da konnte ich so richtig sehen, wie sich ihre Figur entwickelt hatte. Und natürlich fragte sie: „Daggi bin ich zu dick?“ Was sollte ich antworten? Sage ich ja, gibt’s Krach! Sage ich nein, gibt’s auch Krach. Einmal hatte ich geantwortet: „Aber nein mein Schatz.“ Sie ging beglückt zu ihrer besten Freundin und kam verschnupft nach Hause. Knurrend erklärte sie: „Du bist zu nichts zu gebrauchen. Aber das du mich auch noch beschwindeln musst…“ Sie hatte die ominöse Frage natürlich ihrer Freundin gestellt. Freundinnen dürfen ehrlich antworten. Auch wenn die Antwort negativ ausfällt. Ich sagte deshalb sehr diplomatisch, wie ich mir einbildete: „Steig auf die Waage. Stell aber vorher auf deinen Namen. Da habe ich Alter und Größe gespeichert.“ Heidi stutzte und fragte: „Und was bedeutet das?“ „Die Waage errechnet das Idealgewicht, den Wasseranteil, die Knochenmasse und den Fettanteil in Prozenten!“ Das mit dem Fettanteil hätte ich besser nicht sagen sollen! Heidi stürzte sofort ans Telefon und führte ein Ringgespräch mit allen ihren Freundinnen. Dann tat sie den ganzen Tag den Mund nicht mehr auf. Wenn Heidi schmollt oder den ganzen Tag meckert, dann ist das fast nicht zum Aushalten. Aber einen ganzen Tag kein Wort, das ist das Entsetzlichste was man erleben kann. Dazu kamen noch die blöden Fragen von Jana, Cora und Janas Freund.
Wir „bummelten“ durch den Park. Als wir losgegangen waren, hatte es angefangen zu regnen. Heidis für den Bummel Zurechtmachen hatte eine geschlagene Stunde gebraucht. Als sie den Spaziergang vorschlug, schien noch die Sonne. Sonst hätte ich mich nicht breitschlagen lassen. Es regnete immer mehr. Ich gehe nicht gern bei Nässe spazieren, da ich nie einen Regenschirm benutze. Heidi hatte ihren Knirps aufgespannt und lachte mich aus. „Regen tut dir gut. Du wirkst dann schlanker.“ Um mir solchen Blödsinn nicht mehr anhören zu müssen, beschleunigte ich meine Schritte. „Renn nicht so. Wenn du stolperst und fällst, rollst du bestimmt ins Gebüsch.“ Ich sagte nichts, denn ich hatte ein andres Problem. Immer wenn ich meinen rechten Fuß aufsetzte, gaben meine Schuhe einen komischen Laut von sich. Es quietschte oder quatschte. Was war das? Ich blieb an einer Bank stehen und holte eine Plastetüte aus meiner Jackentasche. Habe ich immer beim Spazierengehen einstecken. Legte die Tüte auf die Bank. Setzte mich und kontrollierte meine Schuhe. Es war nichts zu sehen. Sie waren glatt, blank und ganz. Warum dann diese Geräusche? Heidi war einfach weitergegangen. Meine Probleme, egal welche, interessierten sie nie. Solange ich sie nicht direkt ansprach und um Hilfe bat, reagierte sie nicht. Zu Hause hatte ich dann meine Schuhe wie üblich auf den Schuhabtropfer gestellt. Als ich sie putzen wollte, stellte ich zu meiner Verblüffung fest, dass der rechte Schuh im Absatz ein Riesenloch hatte. Der untere Teil des Luftpolsters, oder das Polster selbst, hatte sich gelöst und verkrümelt. Deshalb die komischen Geräusche und mein nasser Fuß.
Eines Morgens hatte ich mehrere Überraschungen erlebt. Heidi hatte mich geweckt und war zu mir unter die Bettdecke gekommen. Wir schliefen seit Jahren getrennt. Dass sie ohne Anforderung in mein Bett kam, war mir noch nie vorgekommen. Als ich später ins Bad wollte, war dies besetzt. Das war mir vollkommen rätselhaft. Wie ich schon erzählt hatte, bewohnten wir ja zwei Wohneinheiten. Heidi und Jana die größere. Cora und ich die kleinere. Cora schlief noch. Wer war da in meinem Bad? Ich ging durch die Verbindungstür in die andre Wohnung. Dieses Bad war auch besetzt. Heidi war in der Küche. Also musste Jana im Bad sein. Wer war in meinem Bad? Ich ging zurück und klopfte. Nichts! Also holte ich Werkzeug. Als Cora und ich in die zweite Wohnung zogen, war immer einmal die Tür blockiert, da Cora manchmal den Riegel vorschob und nicht mehr zurückbekam. Ich musste dann die selbstgefangene Cora befreien. Die Tür ging auf und ich erstarrte! Im Bad war ein fremder junger Mann! Im sofort angestellten Verhör kam heraus, dass es Janas Freund war. Am Abend tagte dann der Familienrat. Ich verbat mir die Blockierung meines Bades. Cora fiel mir in den Rücken und sagte frech: „ Papi, das ist nicht dein Bad. Das ist unser Bad. Du kannst nicht allein darüber bestimmen!“ Heidi und Jana grinsten. „Bis jetzt war das Bad früh immer frei. Ich muss schließlich zeitig zur Arbeit. Und deshalb muss ich morgens freien Zugang haben!“ „Du kannst ja früher aufstehen!“ Ich sagte nichts mehr. Der Familienrat beschloss, dass jedes Familienmitglied das Bad benutzen konnte, welches gerade frei war. „Fremde gehören nicht zur Familie!“ Es wurde einfach umformuliert: „Jeder Anwesende …!“
Bei einem Streit hatte ich zu Heidi gesagt: „Wieso hat Jana schon einen Bettgenossen. Ist das nicht ein bisschen zeitig?“ Heidi hatte schnippisch geantwortet: „Sie ist ihres Vaters Tochter. Hast du nicht auch sehr zeitig angefangen?“ Diesem Argument hatte ich nichts entgegen zu setzen.
Die sogenannte Familie konnte mich mal gerne haben. Ich reagierte auf diese Frechheiten und richtete mein Exil ein! Als wir noch zu dritt waren und Jana nicht zum aushalten schrie, hatte ich mir unsere Bodenkammer ausgebaut. Polsterbett, Tisch, Heizkörper, Bücherregal, Waschbecken, Wasserleitung, Nachttopf, Licht. Mehr brauchte ich nicht. War lange nicht benutzt. Ich entfernte den Staub, kehrte und wischte. Installierte einen kleinen Kühlschrank und einen Fernseher. Wenn ich dann merkte, dass Janas Freund nach dem Abendbrot blieb, verschwand ich nach oben. Ungestört konnte ich mich morgens fertig machen und zur Arbeit gehen. Nach nur zwei Wochenenden bemerkte die Familie, dass ein Mitglied abends fehlte. Die gesamte Bagage inklusive Janas Freund, stattete mir einen Besuch ab. Janas Kerl fand mein Exil spitze und machte den Vorschlag, dass Jana und er doch diese Kammer nutzen könnten. „Es wird eine breitere Liege aufgestellt und der Alte kann in seinem Bett schlafen!“ Ich sagte: „Von mir aus. Ich habe sowieso in der Wohnung ein Bett. Darum geht es auch nicht. Es geht nur um das morgendliche Duschen und Rasieren. Wo wollt ihr euch denn fertigmachen, wenn ihr hier schlaft?“ „Natürlich in einem der Bäder.“ „Und warum dann hier oben schlafen, wenn ihr unten Duschen wollt?“ „Warum wohl? Ihr habt zwei Wohnungen. Warum sollen Jana und ich nicht auch etwas für uns allein haben? Hier sind wir ungestörter.“ Nur wir zwei Männer diskutierten. Die drei Weiber waren still! Ich richtete mich kerzengrade auf und sagte unmissverständlich: „Wenn ihr eigene Räume haben wollt, dann kann Jana ja ausziehen!" Jetzt wachten die drei auf! „So weit kommt es noch“, knurrte Heidi. Cora starrte mich mit großen Augen an und sagte: „Aber Vati, so kenne ich dich doch gar nicht.“ Jana sagte laut, sehr laut: „Du Rabenvater kannst ja ausziehen!“ Es klopfte an die Tür. Mayer aus der dritten Etage. Er schaute sich staunend um und sagte: „Mensch Dagoperth, das ist ja eine tolle Überraschung. Die ganze Familie mit Zuwachs hier drin. Macht ihr ein Meeting? Dann aber nicht so laut!“ Er verschwand. „Ich bleibe dabei. Wenn jemand auszieht, dann Jana. Diskutiert das wo anders aus. Sagt mir Bescheid. Ich bleibe so lange hier oben.“ Mit ausgebreiteten Armen schob ich alle aus dem Raum. Sie gingen zögernd zur Treppe. Während ich mich auszog klopfte es wieder. Schon wieder Mayer. Mit ein paar Flaschen Bier. Am nächsten Nachmittag, ich war nicht in die Wohnung gegangen, kam Heidi zu mir in die Kammer. Nach kurzer Diskussion warf ich sie raus. Am folgenden Wochenende bekam ich wieder Familienbesuch. Ohne Freund. Jana heulte. Heidi sagte bitterböse: „Wegen dir hat Klaus mit Jana schlussgemacht!“ „Wieso wegen mir?“ Jana sagte schluchzend: „Klausi will nicht so einen Rabenvater in seiner Familie haben.“ „Passt einmal auf, ich ziehe ganz aus. Dann könnt ihr machen was ihr wollt! Und jetzt raus!“ Eine Stunde später saß Klausi neben mir auf dem Polsterbett. Er hatte Bier und Essen vom Italiener mitgebracht. „Du bist ja ein Schlaufuchs! Wenn’s Probleme gibt, tauchst du hier unter. Ich habe mit Jana schlussgemacht. Aber nicht weil du Ärger gemacht hast, sondern weil deine Olle überall rumschnüffelte, meine Sachen durchwühlt hat und immer das letzte Wort hatte. Außerdem hat sie nachts an der Türe gehorcht.“ Ich grinste. Er fuhr fort: „Jana ist zickig und wird bestimmt so wie ihre Alte. Ich wünsche Dir viel Vergnügen mit den Weibern.“ Trank sein Bier aus und ging. Zusammen mit Mayer baute ich seine Bodenkammer aus und meine um. Schließlich machten wir aus zweien eine. Wenn Mayer oder ich Ärger in Familie haben, geht’s ab auf den Boden.

Bis später Dagoperth  31.Januar 2012

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Fürsorge

Eines Tage musste ich wegen meinem angegriffenen Gesundheitszustand ins Krankenhaus. Erst einmal achtundzwanzig Tage zur „Beobachtung“. Ich teilte das Zimmer mit zwei anderen Patienten. Einem jüngerem und einem älteren. Sie lagen schon einige Zeit hier und waren sich in allen Sachen einig. Eine Meinung. Einheitliches Essen. Die gleichen Schlafanzüge und Bademäntel. Nur beim Fernsehen waren sie manchmal getrennter Meinung. Gespannt wartete ich auf den ersten Besuchstag. Vielleicht hatten sie auch einheitliche Partnerinnen. Ich hatte umsonst gewartet, Besuch bekamen sie nicht. Aber ich! Furchtbar! Fast jeden Tag kam entweder die ganze Familie zusammen oder nacheinander. Das Getue war nervenaufreibend. Jedes zweite Wort war Daggi oder Papi. Nach den Besuchen waren nicht nur meine Nerven erledigt. Die des Stationsarztes, der Oberschwester, ja des ganzen Personales ebenso. Meine beiden Zimmergenossen übernahmen das Theater. Es „daggite“ sich den ganzen Tag. Da wir in der unrealen Welt des Krankenhauses waren, konnte ich die niederträchtigen Kerle nicht zu einer Runde verdonnern oder mit Ohrfeigen reagieren. Ich versuchte ein Einzelzimmer zu bekommen. Nach einigen Anstrengungen, bekam ich ein kleines, helles, abgelegenes Einzelzimmer. Allerdings fühlte ich mich nun wie in Einzelhaft. Nicht, dass ich das Zimmer nicht verlassen konnte. Nein, ich verzichtete darauf. Das ganze Personal und die beiden ehemaligen Zimmergenossen verwöhnten mich mit Daggi und Papi. Wenn ich auf dem Gang war, hieß es gleich: „Wohin will denn unser kleiner Daggi?“ Nach zwei Wochen war ich kranker als je zuvor. Der Herr Oberarzt offerierte mir einen neuen achtundzwanzigtägigen Aufenthalt in einer Spezialklinik. Ich wurde aktiv. Alle meine Verbindungen wurden angezapft. Und es klappte. Eine Kommission sollte darüber befinden, ob ich in den Schwarzwald, nach Österreich oder vielleicht auch nach Südfrankreich kam. Ich wünschte mir das weiteste Haus, schön weit weg von meiner besorgten Familie. Einzelzimmer mit Chefarzt. Wozu hatte ich eine tolle Krankenversicherung? Um nicht die Katze im Sack zu kaufen, verlangte ich, den Oberärzten der ins Auge gefassten Kliniken vorgestellt zu werden. Dieser Wunsch stieß zu erst auf Unverständnis und Ablehnung. Ich schaltete einen meiner Skatbrüder ein. Der Franzose entpuppte sich als staubtrockener Professor. Messerscharfer Mund und ebensolche Falten. Der Österreicher war leutselig, schwatzhaft und scheinbar selbst Nervenkrank. Der Schwarzwälder schien in Ordnung zu sein. Dann trat ein Ereignis ein, welches mich dazu bewog, die Flucht zu ergreifen. Ich sagte ja zu allen Vorschlägen der Kommission und war einen Tag später unterwegs.

Heidi hatte bei einem Besuch, unverständlicher Weise schon am frühen Morgen, Janet mitgebracht. Die Beiden schlugen auf, als mir gerade der Rücken eingerieben werden sollte. Ich hatte aus ungeklärter Ursache plötzlich starke Rückenschmerzen bekommen, konnte nicht aufstehen und wurde jeden Morgen von einer Schwester eingerieben. Der Einfachheit halber hatte ich ein hinten geteiltes Hemd bekommen. Die Schwester hatte mich schon aufgedeckt, als die beiden Frauen reinkamen. Ich in dem kurzen Hemd. Die Schwester sagte in Verkennung der Situation: „Ich habe noch mehr zu tun. Ihre Gattin könnte sie doch einreiben. Aber bitte vorher den Rücken waschen.“ Heidi und Janet wechselten kurz Blicke und legten los. Ich wusste nicht wo ich hinsehen sollte. Janet gab mir einen Kuss und flötete: „Aber mein Daggilein. Denkst du denn, ich hätte noch keinen nackten Mann gesehen? Also hab dich nicht so. Außerdem muss ich mich noch für deine Fürsorge bei der letzten Geburtstagsfeier bedanken.“ Heidi fuhr mich am nächsten Tag zu meinem neuen Domizil. An den Titisee. Ich bekam ein wunderbares Einzelzimmer mit Blick auf den See. Zwischen dem Haus und dem See war eine stufenförmig angelegte Terrasse mit Liegestühlen. Da es Sommer und schön warm war, aalten sich knapp bekleidete Damen und Herren in Liegestühlen. Die ersten Tage hatte ich Bettruhe und Fernsehverbot. Fernsehen brauchte ich auch nicht. Vom Bett aus konnte ich die Terrasse einsehen.
Um keine Langweile aufkommen zu lassen, begann ich die Oberschwester gehörig zu umschmeicheln. Mit der Zeit wurde daraus ein richtiger Flirt. Sie las mir meine Wünsche buchstäblich von den Augen ab. Ein Besuch Heidis und der restlichen Familie wurde fast unmöglich. Im Krankenhaus gab es für Familienangehörige zwar Übernachtungsmöglichkeiten, aber während meines Aufenthaltes war alles belegt. Die Hotels der Umgebung waren fast die ganze Zeit ausgebucht, und das nächste freie Hotel in Neustadt. Heidi besuchte mich trotzdem. Sie fand auch eine annehmbare Unterkunft. Beim Oberarzt! Ich bekam schnell mit, dass ich sozusagen zwischen zwei Stühlen saß. Während ich die Oberschwester für mich gewonnen hatte, hatte Heidi sich den Oberarzt um den Finger gewickelt. Vermittelt hatte die Begegnung ein Studienkollege Heidis. Ich machte das weibliche Personal richtig scharf. Denn wer regiert auf der Station? Die Oberschwester.
Und diese wollte mich noch ein wenig behalten, warum kann man sich denken. Aus den achtundzwanzig Tagen wurden vierundvierzig.
Dabei musste zu Hause irgendetwas los sein. Heidi war bei jedem Besuch, der erste erfolgte in der dritten Woche, recht kleinlaut. Ich hatte den Eindruck, dass sie sogar körperlich kleiner würde. Fragen wich sie ganz offen aus. Es kümmerte mich nicht weiter. Ich war glücklich und zu frieden. Erholte mich durch die liebevolle Pflege der Schwestern. Die Schmerzen vergingen. Ich bummelte allein oder mit einer der Frauen durch das Städtchen. Mit fast unmerklicher Einflussnahme hatten sie erreicht, dass ich Gewicht verlor und fast schlank geworden war.
Als Heidi mich zusammen mit Cora abholte, erzählten sie mir bei einer Rast unter Tränen, was inzwischen zu Hause passiert war. Heidi hatte bei einer Geburtstagsfeier einen langen Kerl kennengelernt. Viel jünger als ich. Ich hatte mich gefreut, dass sie ihren Hals verrenken musste, um zu ihm aufzusehen. An etwas Ernstes hatte ich nicht gedacht. Als ich mich erst in Janet und dann in die Versicherungstante verknallt hatte, hatte Heidi ernst gemacht. Während ich dann im Krankenhaus lag, nistete sich der lange Kerl bei uns ein. Jana flüchtete daraufhin zu Cora in meinen Teil der Wohnung. Im Betrieb hatte sich auch einiges verändert. Heidi war Gruppenleiterin. Als Janets Volontariat zu Ende war, wurde sie Abteilungsleiterin. Heidi beschwerte sich. Als sie mit ihrer Beschwerde keinen Erfolg hatte, wurde sie unleidlich und mobbte ihre Leute. Eigentlich sollte sie entlassen werden. Durch ihre guten Beziehungen erreichte sie, dass sie nur versetzt wurde.
Während Heidi mich an einem Wochenende besuchte, hatte ihr Kerl einen Teil der Wohnung ausgeräumt, und war verduftet. Bei der daraufhin mit Polizei und Versicherung vorgenommen Inventur musste Heidi feststellen, dass nicht nur Kleinmöbel, sondern auch Schmuck und andere Wertsachen fehlten. Außerdem hatte ihr Konto einen Aderlass bekommen. Der Kerl war zwar schnell gefasst worden, behauptete aber, Heidi hätte ihm alles geschenkt. Kaum auf freiem Fuß, stand er vor der Tür, wurde aber von Cora und Jana vertrieben.
Kopfschüttelnd fragte ich: „Wo arbeitest Du jetzt?“ „Gar nicht.“ Anstatt ruhig zu sein und ihre Arbeit zu machen, hatte Heidi natürlich die große Klappe gehabt, und auf ihre Erfahrung als Gruppenleiterin gepocht. Der neue Chef hatte sie mehrmals abgemahnt und schließlich fristlos entlassen. „Und das ist alles innerhalb von anderthalb Monaten passiert?“ „Nein. Ich habe nicht den Mut gehabt, Dir davon zu erzählen. Ich arbeitete schon einige Zeit in E. Deshalb kam ich abends später nach Hause.“ „Moment. Du hast mich doch zusammen mit Janet besucht. War Janet da schon Deine Vorgesetzte?“ „Da war ich schon entlassen.“ Ich sagte nichts mehr. Setzte mich ans Steuer und fuhr still nach Hause.

Bis zum nächsten Mal – es wartet viel Arbeit auf mich – Euer Dagoperth

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Familie
Wie ihr euch erinnern könnt, hatte ich nach meiner Kur so ganz nebenbei erfahren, dass meine Supergattin Heidi wegen ihrer großen Klappe ihre Arbeit verloren hatte. Eigentlich hatte ich immer gedacht, dass nur Ehemänner, die zu hause nichts zu melden hatten, auf Arbeit den großen Max spielen. Im Bekanntenkreis hatte ich eine junge Frau, bei der das Gegenteil der Fall war. Sie war von der Statur her sehr klein geraden. Ich nannte sie immer Püppie, das „i“ schön lang ziehend. Bald wurde sie von allen Leuten so genannt. Wenn man die Kleinen nicht sieht, dann hört man sie. Ihr schrilles Organ war wirklich nicht zu überhören. Genau wie Heidi hatte sie auf Arbeit immer den großen Rand. Selbst ihr Boss duckte sich, wenn sie loslegte. Eines Tages hatte ich nachmittags in ihrer Gegend zu tun, und klingelte. Sie war allein zu hause. Bewirtete mich widerstrebend mit Kaffee in sehr, sehr kleinen Tassen. Kein Mokka, wie man annehmen könnte. Großartig erzählte sie mir von der Arbeit. Wenn man ihr zuhörte, konnte man glauben sie sei der Chef. Nach einer halben Stunde kam ihr Gatte nach Hause. Er besah sich den gedeckten Kaffeetisch. Die winzigen Tassen und die ebenso winzigen drei Gebäckkrümel auf dem Kuchenteller. Den Kaffee hatte ich kaum angerührt, die Krümel gar nicht. Dann sah er seine Frau scharf an. Roch an dem Kaffee und sah sie nochmals an. Sie wurde ganz, ganz klein. Noch kleiner, als sie in Wirklichkeit schon war. Bekam stumme Befehle. Bald sah der Kaffeetisch ganz anders aus. Ich erlebte zum ersten Mal in meinem Leben, dass der Mann im Haus wirklich der Herr war.
Bei uns zu hause war es ja, wie ihr wisst noch anders. Wir wohnten gewissermaßen getrennt Heidi + Jana im großen Teil der Wohnung, Caro und ich im kleinen Teil. Zu hause hatte mein Weib das Sagen, auf Arbeit der Meister. Im Garten war ich der Boss. Wenn niemand von der Familie da war. Mir kam es ganz gelegen, dass mein Weib keine Arbeit hatte. Ich avancierte plötzlich zum Haushaltvorsteher, da ich Geld verdiente und sie nicht. Zum Einkaufen gingen wir entweder zusammen, oder sie bekam einen Zettel und einen geschätzten Betrag mit. Die drei Damen fielen aus allen Wolken, als ich ihnen mitteilte, dass sie von ihrem Taschengeld Handykosten und andere weibliche Ausgaben bezahlen sollten. Sparen, sparen, sparen. Wir sind schließlich kein Staat, der Geld ausgibt, was er nicht hat. Von ihnen unbemerkt führte ich viele Gespräche. Bewerbungen für Heidi. Ich suchte für sie Arbeit. Kriterien: Untergeordnete Stellung in der Hierarchie. Volle Arbeitszeitauslastung mit persönlichem Verantwortungsbereich. Geringe schemenhafte Aussicht auf Aufstieg. Bildlich gesehen. Eine Schildkröte, die ein grünes Blatt vor ihrem Maul sieht. Sie möchte es gern haben, bekommt es aber selten oder nie. Zu hause machten wir ihr das Leben schwer. Wir hatten vor Jahren Prioritäten gesetzt. Jeder hatte eine Aufgabe und musste übergreifend in der Gemeinsamkeit mithelfen. So lange Heidi keine Arbeit hatte, legten wir unsere Aufgaben vertrauensvoll in ihre Hände. So wie sie früher mit uns umgesprungen war, machten wir es zwar nicht, aber wir nörgelten herum. Heidi schrie förmlich nach Arbeit. Als ich ihr ihre neue Arbeit offerierte war sie vor Glück sprachlos! Den ganzen Tag weg von uns Nörglern. Einen großen Verantwortungsbereich. Einen schönen Arbeitstitel. Allerdings blieben gewisse Veränderungen bestehen, die wir während ihrer Arbeitslosigkeit eingeführt hatten. Über alle Einkäufe und Anschaffungen wurde vorher im Familienkreis beraten.
Eberhard Cohrs hatte einmal gesagt, dass er mit seiner zukünftigen Frau ausgemacht habe, dass sie die kleinen täglichen Entscheidungen allein treffen könne. Große und wichtige Entscheidungen wollten sie zusammentreffen. Gefragt ob das klappen würde, meinte er: Natürlich. Wir sind jetzt fünfundzwanzig Jahre verheiratet. In dieser Zeit gab es nur kleine Entscheidungen.
Damit ich bei Entscheidungen nicht so auffällig ins Hintertreffen kam, billigte ich den beiden Mädchen nur je eine halbe Stimme zu. Zwei zu eins sieht schließlich besser aus, als drei zu eins. Als Heidi an den ersten Tagen abends nach hause kam, schwärmte sie von ihrer Arbeit. Wir tranken Kaffee zusammen und schwatzten. Sie schwatzte. Von ihrer Arbeit. Das ließ bald nach. Mit der Zeit merkte sie, dass sie immer noch abgezähltes Einkaufsgeld und ein festes Taschengeld bekam. Als sie sich eingearbeitet hatte, war zweierlei passiert. Zu hause. In einer mehrstündigen Beratung hatten wir wieder Prioritäten gesetzt. Passend zur Ausbleibezeit waren die einzelnen Aufgaben vergeben worden. Bei jeder Abstimmung war Heidi von den Mädchen begeistert ins Hintertreffen gezwungen worden. Auf Arbeit. Zwei Arbeitsbereiche waren zusammengelegt und ihr übergeben worden. Wenn sie abends nach hause kam, war sie still und wurde immer stiller. Wir anderen drei hatten unsere Ruhe. Unsere Aufgaben hatten wir erledigt. Heidi durfte noch Hausarbeiten machen. Als Haushaltvorsteher kontrollierte ich gewissenhaft die Qualität der Arbeiten. Um unnützen Streit, Zank und Geschrei zu vermeiden, hatte jeder ein Hausarbeitsbuch erhalten. Auf der Umschlagsinnenseite standen die Hauptaufgaben. Auf der jeweils linken Seite die täglich zu vollbringenden zusätzlichen Aufgaben. Auf die rechte Seite schrieb ich mein Gutachten. In wohlwollender Form. Ich hatte natürlich auch so ein Buch. Die Damen machten auf der rechten Seite Bemerkungen über die Qualität meiner Arbeit. Freitagabend wurden die Bücher gemeinsam ausgewertet. Die Auswertung hatte Einfluss auf gesondertes Wochenendtaschengeld.
Ich hatte nie welches.
Bis zum nächsten Mal Euer Dagoperth

! PALMÖL ist nicht nur im TANK – sondern auch in industriellen LEBENSMITTELN ! Für PALMÖL muss der REGENWALD sterben ! WAS TANKST DU – WAS ESSEN DEINE KINDER ?

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